Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Viele Endometriose-Betroffene berichten über Magen-Darm-Beschwerden – von Blähbauch über Übelkeit bis hin zu Verdauungsstörungen. Basierend auf einem Fachgespräch mit Frau Dr. Barbora Knappe-Držíková, promovierte Ernährungswissenschaftlerin an der Charité in Berlin, das im Rahmen der Gesprächsreihe zu begleitenden Beschwerden und Erkrankungen bei Endometriose im Kontext unserer Jahrestagung 2025 stattfand, beleuchten wir hier den möglichen Zusammenhang dieser Beschwerden durch Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dabei wird zwischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und echten Allergien unterschieden, sowie die Vorteile einer professionellen Ernährungstherapie und neue Ansätze aus der Forschung vorgestellt.

Was sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Der Begriff Nahrungsmittelunverträglichkeit wird oft unscharf verwendet und führt nicht selten zu Verwechslungen – insbesondere im Unterschied zu echten Nahrungsmittelallergien. Dabei bestehen wichtige Unterschiede in Ursache, Verlauf und Behandlung.

Nahrungsmittelallergien beruhen auf einer immunologischen Reaktion: Der Körper bildet spezifische Antikörper (z. B. Immunglobulin E), die auf bestimmte Bestandteile von Lebensmitteln reagieren. Dies kann zu schnellen und teils schweren Symptomen führen – wie Hautausschlägen, Juckreiz, Atemnot oder Kreislaufreaktionen. Allergien gelten als medizinischer Notfall und erfordern eine klare, dauerhafte Meidung der auslösenden Stoffe. Beispiele sind Erdnüsse, Kuhmilch oder Schalentiere. Auch Zöliakie, obwohl keine klassische Allergie, zählt in ihrer Behandlung zu den nicht verhandelbaren Krankheitsbildern, da sie auf einer Autoimmunreaktion beruht.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten hingegen sind oft nicht immunologisch bedingt. Hier stehen meist funktionelle Störungen im Vordergrund – etwa Enzymmängel (wie bei Laktoseintoleranz) oder Transportdefekte im Darm (wie bei Fruktosemalabsorption). Die Beschwerden zeigen sich typischerweise im Magen-Darm-Trakt – mit Blähungen, Durchfall oder Übelkeit, oft zeitverzögert nach dem Essen. Im Gegensatz zur Allergie ist der Umgang mit Unverträglichkeiten meist flexibler – sie gelten als „verhandelbar“, da sich individuelle Toleranzgrenzen finden und mit gezielter Ernährung oft spürbare Verbesserungen erzielen lassen.

 

Häufigkeit und Symptome

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht lässt sich klar sagen: Viele Betroffene mit Endometriose berichten über Beschwerden nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel. Auch wenn es keine einheitlichen Diagnosetools und keine exakten Prävalenzzahlen gibt, zeigt sich in der Praxis, dass gastrointestinale Symptome sehr häufig sind. Über 85 % der Patient*innen mit Endometriose berichten in spezialisierten Sprechstunden über Magen-Darm-Beschwerden. In manchen Kontexten liegt der Anteil sogar über 90 %.

Außerdem besteht bei Endometriose-Betroffenen ein erhöhtes Risiko für funktionelle Verdauungsprobleme. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben Menschen mit Endometriose ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für sogenannte Nahrungsmittelunverträglichkeiten – insbesondere im Rahmen eines Reizdarmsyndroms. Viele Beschwerden lassen sich weniger auf echte Unverträglichkeiten als auf eine erhöhte Reizempfindlichkeit des Darms zurückführen. Dieses Reizdarmsyndrom ist in der Endometriose-Gruppe stark überrepräsentiert und gilt als Schlüsselmechanismus bei der Entwicklung funktioneller Beschwerden.

Häufige Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Auch wenn belastbare Zahlen fehlen, zeigen sich in der Praxis wiederkehrende Muster – insbesondere bei folgenden Formen:

  • Laktoseintoleranz:
    Enzymdefekt führt zur unzureichenden Spaltung von Milchzucker, es können Symptome wie Blähungen, Durchfall, Völlegefühl auftreten

  • Fruktosemalabsorption:
    Transportstörung von Fruchtzucker im Dünndarm, die ebenfalls zu diffusen Verdauungsbeschwerden führen können

  • Histaminunverträglichkeit:
    Verstärkte Reaktionen auf histaminreiche Lebensmittel (z. B. Käse, Rotwein) wie Kopfschmerzen, Hautrötungen, Magen-Darm-Reaktionen

  • Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität:
    Keine klassische Allergie oder Autoimmunreaktion – aber dennoch Beschwerden bei Glutenexposition, leider häufig diffuse, schwer zu diagnostizierende Symptomatik


Auch wenn nicht alle Beschwerden auf objektivierbare Unverträglichkeiten zurückzuführen sind, zeigt sich: Endometriose und Verdauungsprobleme gehen oft Hand in Hand. Der Zusammenhang scheint über das Reizdarmsyndrom vermittelt zu sein – eine funktionelle Störung, die bei Endometriose-Betroffenen deutlich häufiger vorkommt. Ein gezielter Umgang mit individuell unverträglichen Lebensmitteln kann daher eine wertvolle Unterstützung im Alltag bieten.

 

Symptome bei Unverträglichkeiten und Endometriose

Viele Beschwerden, die bei Endometriose auftreten, ähneln auf den ersten Blick den Symptomen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten – insbesondere im Magen-Darm-Trakt. Zu den häufigsten gehören:

  • Blähbauch („Endo-Belly“)

  • Durchfall und/oder Verstopfung

  • Übelkeit, Erbrechen

  • Völlegefühl und Appetitlosigkeit

  • Schmerzen im Bauchbereich, auch krampfartig

Diese Beschwerden können sowohl durch Unverträglichkeiten wie Laktose- oder Fruktoseintoleranz ausgelöst werden – als auch durch die Endometriose selbst. Eine klare Unterscheidung ist oft schwierig, da sich die Symptome stark überschneiden.

Zyklische Muster erkennen

Ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal kann der zeitliche Verlauf der Beschwerden sein:

  • Zyklisch auftretende Symptome (v. a. rund um die Menstruation) sprechen eher für endometriosebedingte Ursachen.

  • Azyklisch wiederkehrende Beschwerden, z. B. nach bestimmten Lebensmitteln, deuten eher auf eine Unverträglichkeit hin.

Dr. Knappe empfiehlt zur besseren Einordnung sogenannte Ernährungs- und Symptomtagebücher. Diese sollten idealerweise die Informationen enthalten, wann welche Lebensmittel verzehrt wurden, in welcher Zyklusphase sich die Betroffene befindet und welche Beschwerden wann aufgetreten sind. So lassen sich erste Zusammenhänge erkennen – etwa wenn bestimmte Nahrungsmittel nur vor oder während der Periode Beschwerden auslösen.

Exkurs: „Endo-Belly“

Der oft genannte Endo-Belly ist mehr als nur ein aufgeblähter Bauch. Viele Betroffene berichten über:

  • starke Schmerzen

  • sichtbar aufgetriebenen Bauch („wie im 6. Monat“)

  • Druck- und Spannungsgefühle

Auch wenn die genauen Ursachen noch nicht abschließend geklärt sind, zeigen sich mehrere mögliche Erklärungsansätze:

  1. Verändertes Mikrobiom:

    • Ungleichgewicht der Darmflora

    • Gesteigerte Produktion von Gasen

    • Verstärkung von Entzündungen und Östrogendominanz

  2. Verlangsamte Darmmotilität:

    • Frauen haben von Natur aus einen längeren Darm

    • Bei Endometriose: zusätzlich verminderte Darmaktivität

    • Folge: Neigung zu Verstopfung, Druckschmerzen, Völlegefühl

  3. Erhöhte viszerale Sensitivität:

    • Betroffene mit chronischen Schmerzen empfinden Reize im Bauchraum intensiver

    • Dieselben Reize, die bei gesunden Menschen kaum wahrgenommen werden, können bei Endometriose starke Schmerzen auslösen

  4. Durchlässiger Darm („Leaky Gut“):

    • Entzündungen im Darm schwächen die Darmbarriere

    • Enzym- und Transportdefizite (z. B. bei Laktase oder Fruktose-Transportern) können entstehen

    • Daraus können sich sekundäre Intoleranzen entwickeln

Dr. Knappe-Držíková rät zu einer gründlichen ärztlichen Abklärung – insbesondere wenn Beschwerden dauerhaft bestehen oder stark zyklusunabhängig auftreten. Erst wenn organische Ursachen ausgeschlossen sind, kann von einem funktionellen Reizdarmsyndrom ausgegangen werden – das wiederum eng mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten verknüpft sein kann.

Weitere Informationen zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Endometriose gibt es im Video zum Fachgespräch mit Dr. Barbora Knappe-Držíková.

Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten

 

Wie läuft die Diagnostik ab?

Zu den empfohlenen diagnostischen Schritten gehören zuallererst der Ausschluss von organischen Erkrankungen, Atemtests zur Diagnostik von Laktose- und Fruktoseintoleranz, sowie Antikörpertests zum Ausschluss einer Zöliakie. Bei zyklischen Beschwerden ist auch eine gynäkologische Abklärung sinnvoll, um eine aktive Endometriose auszuschließen.

 

Ausschlussdiagnostik bei Reizdarmsyndrom

Koloskopie (Darmspiegelung) und/oder Gastroskopie mit Dünndarmbiopsie zum Ausschluss organischer Ursachen (z. B. Polypen, Entzündungen) sowie zum Ausschluss einer Zöliakie

 

Atemtests (Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption)
Einfach durchführbar, zuverlässig und klinisch anerkannt

 

Antikörper-Tests bei Verdacht auf Autoimmunreaktionen (z. B. Zöliakie)

 

 

Weniger empfehlenswert bzw. umstritten

IgG-Antikörpertests gegen Lebensmittel

  • Kein wissenschaftlich gesicherter Nachweis echter Allergien oder Intoleranzen
  • Häufige Folge: unnötig strenge Diäten und Mangelernährung
  • Wird weder von Allergolog*innen noch von Fachgesellschaften empfohlen

 

Wer ist zuständig?

Bei Verdacht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten stellt sich oft die Frage: Wohin zuerst? Wer ist zuständig? Die Antwort ist meist: ein Zusammenspiel mehrerer Fachrichtungen – denn Ursache, Verlauf und Symptome sind oft komplex und überschneiden sich mit der Endometriose.

  • Gastroenterologie
    Spezialisiert auf Magen-Darm-Erkrankungen und häufig erste Adresse bei Beschwerden wie Durchfall, Blähungen oder Schmerzen nach dem Essen

  • Gynäkologie
    Wichtig zur Beurteilung zyklusabhängiger Beschwerden und zur Einordnung endometriosebedingter Symptome

  • Allergologie
    Bei Verdacht auf klassische Nahrungsmittelallergien (z. B. gegen Nüsse, Kuhmilch, Soja etc.)

  • Ernährungsberatung
    Für die langfristige Begleitung bei diagnostizierten Unverträglichkeiten oder stark eingeschränkter Ernährung

Diagnostik gehört in ärztliche Hände – die Beratung erfolgt im Anschluss.

Und auch wenn keine eindeutige Diagnose gestellt werden kann – die Beschwerden sind real. Wichtig ist, nicht vorschnell psychische Ursachen zu vermuten, sondern gemeinsam mit ärztlicher, ernährungswissenschaftlicher und psychosozialer Unterstützungindividuelle Strategien zur Linderung zu finden.

Therapie bei Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten im Zusammenhang mit Endometriose sieht Dr. Knappe-Držíková nicht nur akuten Handlungsbedarf, sondern auch eine grundsätzliche Perspektive: „Wir haben es mit einer chronisch-entzündlichen, hormonabhängigen Erkrankung zu tun. Da ist Ernährung kein Randthema – sondern Teil der Gesamtbehandlung.“ Eine individuelle Ernährung ist hierbei ein essentieller Therapiebaustein.

Die Ernährung sollte sich grundsätzlich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientieren und individuell an Zyklusphasen sowie persönliche Verträglichkeiten angepasst werden. Nicht der Verzicht steht im Vordergrund – sondern die gezielte, nährstoffreiche Versorgung trotz Einschränkungen. 

Empfohlene Basis einer anti-entzündlichen Ernährung:

  • Pflanzenbasiert & ballaststoffreich

    Mind. 30 g Ballaststoffe pro Tag (z. B. aus Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchten)w irken entzündungshemmend, fördern eine gesunde Darmflora undk önnen langfristig sogar das Wachstum von Endometriose-Herden positiv beeinflussen
  • Obst & Gemüse (ca. 500 g/Tag)

    Vielfältig und bunt – sofern individuell verträglich
  • Gesunde Fette

    Vor allem Omega-3-Fettsäuren aus marinen Quellen oder hochwertigen Pflanzenölen
  • Gezielte Eiweißversorgung

    Besonders wichtig bei Unverträglichkeiten, vegetarischer/veganer Ernährung oder Endo-bedingter Mangelernährung

Eine professionelle Ernährungstherapie ist angezeigt wenn:

  • die eigene Ernährung stark eingeschränkt ist,

  • Nährstoffmängel auftreten oder

  • Unsicherheit besteht, welche Lebensmittel noch vertragen werden

Langfristig sollte jede Endometriose-Betroffene zumindest einmal Zugang zu fundierter Ernährungstherapie erhalten – präventiv und begleitend.

Empfohlener Ablauf der Ernährungstherapie

 

Ärztliche Basisdiagnostik

Laborkontrollen (z. B. Eisen, Vitamin B12, Vitamin D) und Abklärung von Zyklusbezug, Vorerkrankungen und Beschwerden

 

Ernährungstherapie / -beratung

Individuelle Empfehlungen basierend auf medizinischen Befunden

Unterstützung bei der sicheren Lebensmittelauswahl trotz Einschränkungen

Hilfe beim schrittweisen Wiederaufbau einer ausgewogenen Ernährung

 

Individualisierte Ernährung bei Unverträglichkeiten

Die Umsetzung ist hochindividuell und hängt stark von der genauen Diagnose und Symptomatik ab. Typische Beispiele sind:

  • Laktoseintoleranz (Laktosefreie Produkte oder Enzympräparate)

  • Fruktosemalabsorption (Begrenzung fruktosereicher Lebensmittel – je nach Toleranz)

  • Histaminintoleranz (Kurzzeitige histaminarme Ernährung - z. B. zyklusorientiert)

  • Glutensensitivität (zeitlich begrenzter Verzicht – nur bei gesicherter Symptomassoziation)

Wichtig: Ernährungstherapie bedeutet nicht pauschalen Verzicht – sondern gezielte Stabilisierung und Symptomlinderung.

Wechselwirkungen mit Medikamenten beachten

Ernährungsmaßnahmen sollten mit bestehenden Behandlungen abgestimmt werden, da bestimmte Lebensmittel zu Wechselwirkungen mit Medikamenten führen können. Milch kann bspw. die Wirksamkeit von Antibiotika oder L-Thyroxin beeinflussen. Grapefruitsaft & Medikamente können Stoffwechselprozesse stören und Alkohol wirkt hormonverändernd und kann Arzneimittelwirkungen verstärken.

Fazit

Ob zur Stabilisierung des Mikrobioms, zur Reduktion entzündlicher Prozesse oder zur Unterstützung der Verdauung: Ernährung kann viel bewirken – wenn sie individuell abgestimmt ist. Ernährungstherapie gehört zur Endometriose-Behandlung dazu. Wichtig ist:

  • Symptome ernst nehmen, aber nicht allein interpretieren

  • Diagnostik & ärztliche Begleitung nutzen

  • Professionelle Ernährungstherapie als Teil des Gesamtkonzepts verstehen

Was heute noch Zusatzangebot ist, könnte schon bald Standard werden – wie es beim Reizdarmsyndrom bereits der Fall ist. Ziel bleibt: mehr Lebensqualität trotz Endometriose.

 

Weitere Informationen zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Endometriose gibt es im Video zum Fachgespräch mit Dr. Barbora Knappe-Držíková.

Exkurs: Das Forschungsprojekt HoPE 

Mit dem interdisziplinären Forschungsprojekt HoPE verfolgt Dr. Knappe-Držíková gemeinsam mit Prof. Dr. Sylvia Mechsner und Prof. Dr. Iris Kolassa ein ambitioniertes Ziel: Die bislang größte Studie in Deutschland, die sich gezielt dem Einfluss von Ernährung auf Endometriose widmet.

Untersucht werden u. a.:

  • Ernährungsstatus, Mikrobiom und Hormonprofil bei über 500 Betroffenen

  • Fragebögen zur Symptomatik und Lebensqualität

  • Vergleich mit gesunden Kontrollgruppen

  • Entwicklung eines evidenzbasierten Ernährungskonzepts inklusive praxistauglicher Rezepte und Verlaufsbeobachtung

Die Studie will erstmals systematisch zeigen, welchen Beitrag Ernährung in der ganzheitlichen Endometriose-Behandlung leisten kann – mit dem Ziel, Betroffene langfristig besser versorgen zu können. 

Aktuell werden Teilnehmende gesucht: Weitere Informationen gibt es hier.

Aus der Community: Eure Fragen – Dr. Knappe-Držíková antwortet 

Dr. Barbora Knappe-Držíková ist promovierte Ernährungswissenschaftlerin und seit über 20 Jahren an der Charité – Universitätsmedizin Berlin tätig. Ihr Schwerpunkt liegt in der Ernährungstherapie bei gynäkologischen und gastroenterologischen chronischen Erkrankungen, insbesondere bei Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Im Anschluss an das Gespräch beantwortete sie Fragen aus der Community. Ihre Antworten bieten konkrete Impulse für den Alltag – mit viel Erfahrung aus der Praxis rund um Reizdarmsyndrom, Unverträglichkeiten und Ernährungsstrategien bei Endometriose.

Dr. Barbora Knappe-Drzikova

Wenn man durch Hormone oder Antibabypille keinen Zyklus mehr hat, kann man die Zyklusphase nicht auf natürliche Weise verfolgen. In solchen Fällen entscheidet sich in einer individuellen Ernährungsberatung, wann/wie die Diät am besten hilft. Dr. Knappe-Držíková richtet sich dann meist nach den Symptomen: setzt also die Diät symptomatisch und unabhängig von dem Zyklus an. 

Ja, die immer fortwährende Müdigkeit (auch bei gutem Schlaf) und die ständige Erschöpfung kann auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Gluten-, Laktose- sowie Histaminintoleranz hindeuten. Oft werden durch den Verzehr von „ungünstigen“ Lebensmitteln subtile/chronische Entzündungen oder fehlgeleitete Antworten des Immunsystems ausgelöst, die zur Fatigue führen können.  

Ca. 8 % der Endometriose-Patient*innen leiden an tief-infiltrierender Darm-Endometriose und eine Häufung der Magen-Darm-Problemen bei diesen Patient*innen wären damit erklärbar. Die betroffenen Darmregionen können zwar selbst Entzündungen und Veränderungen im Mikrobiom verursachen und damit die Verträglichkeit von bestimmten Lebensmitteln verschlechtern. Aber die Endometriose (auch ohne Beteiligung des Darmes) selbst verursacht gravierende Veränderungen im Mikrobiom, Darmwand und im enterischen Nervensystem und führt so zu häufigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten. 

Dienogest wird oft zur Behandlung von Endometriose eingesetzt und wird allgemein gut vertragen. Dienogest selbst (unabhängig von der Nahrungsaufnahme) kann manchmal Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Bauchschmerzen verursachen. Insgesamt ist Dienogest aufgrund des Fehlens von Östrogenen oft eine gute Wahl bei Unverträglichkeiten und Endometriose. Vorsicht bei Laktoseintoleranz, Dienogest enthält teilweise Laktose.  

Eine Mikrobiomanalyse kann hilfreich sein, um mögliche Fehbesiedlung des Darmes (SIBO) zu identifizieren. Wichtige Parameter wären die Bestimmung von Butyrat-produzierenden Bakterien oder der Gesamtbakterienflora: die neuesten Studien machen auf das Verhältnis von Firmicutes zu Bacteroidetes aufmerksam. Eine detaillierte Untersuchung der bakteriellen Diversität und der SCFA-Produktion kann ebenfalls helfen.  Es gibt jedoch aktuell noch nicht genug Daten, um eine allgemeine Therapie daraus abzuleiten. Es ist wichtig mit überweisenden Ärztinnen und Ärzten über Grenzen einer Mikrobiom-Analyse zu sprechen. 

Viele Betroffene mit Reizdarmsyndrom reagieren empfindlich auf Weizen – Dinkel stellt hier oft eine gut verträgliche Alternative dar. Empfehlenswert sind:

  • Dinkelnudeln, Dinkelbrot in Bioqualität (idealerweise Vollkorn)

  • Eine individuelle FODMAP-arme Ernährung, begleitet durch Fachpersonen

  • Zyklusangepasste Ernährung: Hülsenfrüchte z. B. eher in der Zyklusmitte statt vor der Periode

Ja – ein Zusammenhang wird zunehmend beobachtet. Endometriose kann zu einer vermehrten Ausschüttung von Histamin führen, was wiederum Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Endobelly verstärken kann.

Endometriose kann zu einer chronifizierten Entzündung im gesamten Körper führen und die Freisetzung von Histamin fördern. Dies kann möglicherweise auch die Symptome einer Histaminintoleranz verstärken. Eine vermehrte Histaminfreisetzung durch entzündliche Prozesse kann auch die Symptome von Nahrungsmittelunverträglichkeiten verschärfen. 

Histaminintoleranz entsteht hauptsächlich durch einen Mangel an sogenannte Diaminoxidase (DAO); einem Enzym, das Histamin im Körper abbaut. Wenn der Histaminabbau gestört ist, kommt es zu einer Anreicherung von Histamin im Körper bzw. das Histamin wird sehr langsam abgebaut. Das kann Symptome wie Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Hautirritationen verursachen. 

Eine Histaminintoleranz wird bei einem klinischen Verdacht durch Anamnese und beim Ausschluss anderer Erkrankungen als Verdachtsdiagnose gestellt. Ein spezifischer Test misst sie Diaminoxidase-Aktivität im Blut. Weiterhin kann die Durchführung eines Histamin-Provokationstests zur Diagnose beitragen. Die Symptomauswertung eines Ernährungstagebuches nach der Einnahme histaminreicher Lebensmittel ist ebenfalls hilfreich. 

Histamin steckt in vielen gesunden Lebensmitteln, etwa Tomaten, Sauerkraut, Soja oder Hülsenfrüchten. Eine histaminarme Ernährung sollte nicht dauerhaft durchgeführt werden, sondern:

  • gezielt in symptomreichen Phasen (z. B. kurz vor oder während der Periode)
  • unter ernährungsmedizinischer Begleitung

Eisenmangel ist in der Tat ein sehr häufiges Problem bei den Betroffenen, vor allem aufgrund von starken Perioden- und Zwischenblutungen sowie permanenten Entzündungen. Als praktische Tipps können eine Kombination von (pflanzlichen) Eisenquellen (z. B. Hülsenfrüchte (Tofu), grünes Blattgemüse: Spinat, Kräuter) mit Vitamin C (zur besseren Aufnahme: Orangensaft, Kartoffeln) oder die Einnahme von Eisenpräparaten empfohlen werden.
Eine gelegentliche Aufnahme (1 -2 x im Monat) von rotem Fleisch (wenn verträglich) in Maßen kann auch eine Option sein, solange man auf eine ausgewogene Ernährung achtet. 

Ein ernährungsbedingter Mehrbedarf kann mit einer ärztlichen Diagnose z. B. Mangelernährung, Zöliakie oder eine andere ernährungsrelevante Erkrankung sowie chronische Erkrankung wie Endometriose beantragen. Weitere Voraussetzung ist eine entsprechende ärztliche Verordnung. Dieser Antrag erfolgt in der Regel über die hausärztliche Niederlassung oder die behandelnde gynäkologische Praxis.  

Diese relativ breit formulierte Frage zielt wahrscheinlich auf die Probleme (Blähungen und Bauchschmerzen) nach dem Genuss von unlöslichen Ballaststoffen ( z.B. im Gemüse, Hülsenfrüchten).  Wenn man diese Art von Fasern nicht verträgt, kann es hilfreich sein, auf verträgliche(re) Ballaststoffe wie Haferflocken, Vollkorn-Reis oder Obst (z.B. Äpfel) auszuweichen. Ein gänzlicher Verzicht auf jede Art von Ballaststoffen wird im Rahmen einer darmgesunden Ernährung wird nicht empfohlen.  

Bei einer Dünndarmfehlbesiedelung (SIBO) handelt es sich um eine Überwucherung von Bakterien im Dünndarm. Diese Fehlbesiedlung ist sehr relevant, insbesondere bei Patient*innen mit chronischen gastrointestinalen Beschwerden bei Reizdarmsyndrom oder bei Endometriose. SIBO kann zu Symptomen wie Blähungen, Durchfall, Bauchschmerzen und Verstopfung führen. Eine Fehlbesiedelung kann einerseits die Nahrungsmittelaufnahme (durch Übelkeit und/oder Appetitlosigkeit, Bauchweh) verändern bzw. stören, auf der anderen Seite auch die eigentliche Nährstoffaufnahme beeinträchtigen. Eine gezielte Behandlung beispielsweise mit Antibiotika und/oder Diät (z. B. Low-FODMAP) ist daher empfehlenswert. 

Dr. Knappe-Držíková rät zur Zurückhaltung: Supplemente wie Eisen, Vitamin B12 oder Vitamin D sind nur bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll. Gerade bei veganer oder vegetarischer Ernährung sollte regelmäßig geprüft werden, ob eine Supplementierung notwendig ist.

Die empfohlene Menge an Obst (ca. 200 g täglich) bleibt gleich – bei Fruktose-Unverträglichkeit helfen:

  • Obstsorten mit günstigem Fruktose-Glukose-Verhältnis (z. B. Banane, Zitrusfrüchte, Grapefruit)

  • Kombination mit Eiweißquellen (z. B. Joghurt), um die Aufnahme zu verbessern

Alternativen zu Fischöl:

  • Mikroalgen liefern die gleichen marinen Omega-3-Fettsäuren wie Fisch

  • Diese pflanzliche Quelle ist gut bioverfügbar und umweltfreundlich

Das Fachgespräch zum Nachschauen

Das vollständige Interview mit Fr. Dr. Barbora Knappe-Držíková zum Thema Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten finden Sie hier:

 

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Unterstützende Informationen & Angebote

Weitere Informationen zur Ernährungstherapie sowie eine Expert*innen-Suche bieten folgende Anlaufstellen:

Darüberhinaus kann der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein.

Die Endometriose-Vereinigung Deutschland bietet kostenfreie psychosoziale Beratungen rund um Endometriose an.

Wir finanzieren unsere kostenlosen Endometriose-Beratungen aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Unterstützen Sie unsere Arbeit durch Ihre Mitgliedschaft oder Spende!

FAQ - Endometriose und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Eine Allergie ist eine immunologische Reaktion (z. B. gegen Erdnüsse oder Kuhmilch) mit potenziell lebensbedrohlichen Symptomen. Eine Unverträglichkeit beruht meist auf Enzymmangel oder Darmfunktionsstörungen und führt zu Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall – ist aber nicht lebensgefährlich.

Ja. Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass Menschen mit Endometriose ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für funktionelle Verdauungsprobleme haben – oft im Rahmen eines Reizdarmsyndroms.

  • Laktoseintoleranz: Enzymmangel → Milchzucker wird schlecht verdaut

  • Fruktosemalabsorption: Transportstörung von Fruchtzucker → Blähungen, Durchfall

  • Histaminintoleranz: Beschwerden nach histaminreichen Lebensmitteln

  • Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität: Beschwerden bei Weizen/Gluten ohne Zöliakie

Ein stark aufgeblähter, schmerzhafter Bauch, oft zyklusabhängig. Mögliche Ursachen:

  • Verändertes Darmmikrobiom

  • Entzündungsprozesse

  • Verlangsamte Verdauung

  • Gesteigerte Schmerzsensitivität

  • Funktioneller „Leaky Gut“

Ein Ernährungs- und Symptomtagebuch hilft:

  • Was wurde wann gegessen?

  • In welcher Zyklusphase traten Symptome auf?

  • Gibt es wiederkehrende Muster?

Eine gezielte, entzündungshemmende Ernährung kann Beschwerden lindern, das Mikrobiom stabilisieren und die Lebensqualität verbessern. Wichtig ist eine individuell angepasste Versorgung – idealerweise begleitet durch professionelle Ernährungstherapie.

Wenn Symptome stark sind, Unsicherheiten bei der Lebensmittelauswahl bestehen oder Mangelerscheinungen auftreten. Ziel: individuelle Verträglichkeiten erkennen, Nährstoffmängel ausgleichen, Lebensqualität verbessern.

  • Diagnostik (Labor, Zyklus, Vorerkrankungen)

  • Zyklusorientierte Ernährung

  • Umgang mit Intoleranzen (z. B. Laktose, Histamin)

  • Sicherer Nährstoffaufbau trotz Einschränkungen

  • Berücksichtigung von Medikamenteninteraktionen

  • FODMAP-Diät (bei Reizdarmsyndrom, mit Begleitung)
  • Zyklusangepasste Ernährung
  • Entzündungshemmende Ernährung (Omega-3, Ballaststoffe etc.)

Das Projekt HoPE an der Charité untersucht derzeit in einer groß angelegten Studie mit über 500 Betroffenen den Zusammenhang zwischen Ernährung, Mikrobiom und Endometriose. Ziel ist die Entwicklung eines evidenzbasierten Ernährungskonzepts mit praktischen Empfehlungen.

Mehr Infos und Teilnahme: https://frauenklinik.charite.de/forschung/ags/endometriose 

Danke

Unsere Themenreihe „Endometriose - begleitende Beschwerden und Erkrankungen" im Rahmen unserer 29. Jahrestagung ist uns ein Herzensanliegen: Wir wollen Raum schaffen für Wissen, Austausch und neue Perspektiven auf die vielfältigen Begleiterscheinungen von Endometriose.

Hilfreiche Informationen zu 11 weiteren häufigen Begleitbeschwerden und -erkrankungen bei Endometriose finden Sie hier.

Unser besonderer Dank gilt dem AOK Bundesverband, der mit seiner Unterstützung maßgeblich dazu beigetragen hat, diese Themenreihe im Rahmen der Jahrestagung möglich zu machen. 

Ein herzliches Dankeschön auch an alle Mitwirkenden, die mit ihrem Wissen, Engagement und Herzblut diese Themenreihe gestaltet haben!

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