Endometriose und Chronische Schmerzen

Viele Menschen mit Endometriose entwickeln im Verlauf chronische Schmerzen, die weit über den Menstruationsschmerz hinausgehen. Zentrale Mechanismen der Schmerzchronifizierung bei Endometriose können Entzündungsprozesse, Nervenschädigungen und das Schmerzgedächtnis sein. Dies macht eine interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung notwendig.

Basierend auf einem Fachgespräch mit Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn, das im Rahmen der Gesprächsreihe zu begleitenden Beschwerden und Erkrankungen bei Endometriose im Kontext unserer Jahrestagung 2025 stattfand, haben wir Informationen zu Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen zusammengetragen.

Was sind chronische Schmerzen bei Endometriose?

Chronische Schmerzen sind per Definition Schmerzen, die länger als drei Monate andauern – mehr oder weniger kontinuierlich. Sie stellen ein subjektives Empfinden aus Sicht der Patient*in dar, das besteht, auch wenn es sich objektiv nicht immer messen oder bildgebend erfassen lässt. Wenn der Schmerz über die Zeit zur einschränkenden Belastung im Alltag wird, sprechen Fachleute von einer chronischen Schmerzerkrankung.

Häufigkeit und Symptomvielfalt

Schmerzen bei Endometriose sind ein häufiger und früher Begleiter. Etwa 60 % der Betroffenen berichten rückblickend, dass die Schmerzen bereits in der Jugend oder mit der ersten Menstruation begonnen haben – oft lange bevor eine Diagnose gestellt wurde. Typisch sind zunächst starke Menstruationsschmerzen.

Ein erster Hinweis auf chronifizierte Schmerzen bei Endometriose sind Beschwerden, die sich über Monate hinweg halten oder zyklusunabhängig werden. Viele Betroffene erleben dabei: langanhaltende oder zunehmende Beckenschmerzen, Schmerzen trotz (oder nach) Operation, zunehmende Begleitsymptome wie Übelkeit, Erschöpfung oder Schlafstörungen sowie Einschränkungen im Alltag, Rückzug oder Ängste.

Typische Schmerzorte und -arten bei Endometriose sind:

  • Unterbauch- oder Beckenschmerzen (zyklisch oder dauerhaft)

  • Dyschezie: Schmerzen beim Stuhlgang

  • Dysurie: Schmerzen beim Wasserlassen

  • Rückenschmerzen (auch ohne klaren Bezug zur Periode)

  • Seltener: ausstrahlende oder an anderen Körperstellen auftretende Schmerzen

 

Begleitende Beschwerden und Erkrankungen

Endometriose ist nicht nur eine lokale Erkrankung. Viele Patient*innen leiden zusätzlich unter anderen Schmerzsyndromen – ein Hinweis auf systemische Zusammenhänge.

Häufige Begleiterkrankungen und -beschwerden können sein:

  • Migräne – deutlich häufiger bei Endometriose-Betroffenen

  • Gastrointestinale Beschwerden – z. B. Reizdarmsyndrom

  • Blasenbeschwerden – wie beim Bladder Pain Syndrome

Diese Überlappung deutet auf eine erhöhte Schmerzsensitivität und eine veränderte Schmerzverarbeitung hin – nicht nur lokal, sondern im ganzen Körper.

Schmerzmechanismen bei Endometriose

Chronische Schmerzen bei Endometriose sind nicht nur eine Folge der Herde. Daran sind sowohl entzündliche Schmerzprozesse als auch Nervenschmerzen, sogenannte neuropathische Schmerzen beteiligt. Neuropathische Schmerzen entstehen durch Veränderungen oder Schädigungen von Nervenfasern. Entscheidend ist dabei auch das sogenannte Schmerzgedächtnis.

Schmerzgedächtnis

  • Andauernder Schmerz kann das Nervensystem verändern.

  • Im Gehirn entstehen regelrechte „Spuren“ des Schmerzes.

  • Diese können auch nach Entfernung der Endometriose-Herde fortbestehen.

  • Es entsteht eine eigene Schmerzerkrankung – unabhängig vom Ursprung.

Das Schmerzgedächtnis erklärt, warum der Schmerz oft bleibt, obwohl die ursächlichen Herde nicht mehr aktiv oder bereits operiert sind.

Unterschiedliche Formen von Endometriose-Schmerzen

Die Schmerztypen bei Endometriose lassen sich grob in die zwei Kategorien „Entzündungsschmerzen“ und „Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen)“ einteilen – mit teils unterschiedlichen Ursachen und Therapiemöglichkeiten:

 

Entzündungsschmerzen

  • Meist dumpf, ziehend, krampfartig

  • Verstärken sich rund um die Menstruation

  • Reaktion auf die zyklische Hormonaktivität und Gewebeentzündungen

  • Ansprechbar auf entzündungshemmende Medikamente (z. B. NSAR)

Neuropathische Schmerzen

  • Stechend, brennend, elektrisierend

  • Häufig zyklusunabhängig

  • Entstehen, wenn Nerven direkt betroffen oder gereizt sind – z. B. bei tief infiltrierender Endometriose

  • Oft schwierig zu behandeln, benötigen spezielle Medikamente (z. B. Antikonvulsiva)

Viele Betroffene erleben einen Mischschmerz – also eine Kombination aus beiden Formen. Das macht die Diagnostik anspruchsvoll, aber umso wichtiger für die Wahl der richtigen Therapie.

Nicht jeder Schmerz ist gleich – und nicht jede Therapie wirkt bei jeder Form. Prof. Pogatzki-Zahn betont, dass eine gute Diagnostik extrem wichtig für die Art des Schmerzes, den Ort, die Begleiterkrankungen und die individuelle Belastung ist. Nur wenn klar ist, woher der Schmerz kommt und wie er sich zeigt, kann die Behandlung gezielt und wirksam erfolgen – ob medikamentös, operativ oder durch ergänzende Therapien wie Physiotherapie oder Psychotherapie.

 

Weitere Informationen zu chronischen Schmerzen gibt es im Video zum Fachgepräch mit Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn.

Diagnostik bei chronischen Endometriose-Schmerzen

Die Diagnose chronischer Schmerzen bei Endometriose ist kein Standardverfahren – sie erfordert ein Zusammenspiel aus ärztlicher Erfahrung, strukturierter Anamnese und gezielter Abgrenzung. Gerade weil sich Symptome überlagern und über Jahre verändern können, ist eine differenzierte Diagnostik entscheidend.

Der erste Schritt: Symptome offen und vollständig benennen

Viele Betroffene zögern, scheinbar „nebensächliche“ Beschwerden wie Übelkeit, Müdigkeit, Magen-Darm-Symptome oder Zwischenblutungen anzusprechen – aus Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Dabei ist gerade bei Endometriose wichtig, alle Symptome zu benennen – auch die außerhalb des klassischen gynäkologischen Spektrums.

Hilfreich für das Arztgespräch:

  • Symptomtagebücher, z. B. mit Angaben zu Zyklusphase, Schmerzintensität und Begleitbeschwerden (auch auf unserer Webseite kostenfrei bestellbar)

  • Familienanamnese: Gibt es ähnliche Beschwerden bei Mutter, Tante, Schwester?

  • Verlauf reflektieren: Wann traten die Schmerzen erstmals auf? Haben sie sich verändert?

Wie läuft die Diagnostik ab?

Die Diagnostik bei chronischem Endometriose-Schmerz unterscheidet sich von einer rein gynäkologischen Untersuchung. Wichtig sind:

 

Strukturierte Anamnese mit validierten Fragebögen
z. B. Schmerzintensität, Schmerztyp (ziehend, brennend, stechend), Lebensqualität

 

Gynäkologische Abklärung
Ultraschall, ggf. diagnostische Laparoskopie zur Sicherung der Endometriose

 

Erweiterte Diagnostik bei chronischen Schmerzen
durch spezialisierte Schmerzmediziner*innen im interdisziplinären Setting

 

Wer ist zuständig?

  • Gynäkologie – erste Anlaufstelle bei zyklusabhängigen Schmerzen oder Verdacht auf Endometriose
  • Schmerzmedizin – Spezialisiert auf die Chronifizierung und multimodale Behandlung von Schmerzen
  • Psychosomatik / Psychotherapie – zur Mitbeurteilung psychischer Einflussfaktoren

  • Orthopädie – bei unspezifischen Beckenschmerzen (Ausschluss anderer Ursachen)

  • Gastroenterologie – bei begleitenden Magen-Darm-Beschwerden

  • Physiotherapie – zur funktionellen Diagnostik und Schmerzreduktion durch Bewegung

Wichtig: Schmerzmediziner*innen sind meist Fachärzt*innen mit einer Zusatzqualifikation – etwa aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Anästhesie, Neurologie oder Psychosomatik. Eine deutschlandweite Übersicht findet sich auf der Seite der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Multimodale Schmerzdiagnostik – gemeinsam statt nacheinander

Ein zentraler Baustein moderner Schmerzmedizin ist die sogenannte interdisziplinäre multimodale Schmerzdiagnostik. Das bedeutet:

  • Mindestens zwei Fachärzt*innen verschiedener Disziplinen beurteilen gemeinsam die Symptomatik

  • Psychologische oder psychosomatische Mitdiagnostik ist fester Bestandteil

  • Physiotherapeutische Einschätzung kann ergänzend hinzukommen

  • Diagnostik und spätere Therapie erfolgen im abgestimmten Team – nicht isoliert voneinander

Diese Form der Diagnostik ist aufwändiger, aber nachhaltig wirksamer – insbesondere bei chronischen Schmerzerkrankungen mit komplexer Symptomatik wie Endometriose.

Therapie von chronischen Schmerzen bei Endometriose

Die Behandlung chronischer Schmerzen bei Endometriose ist komplex – nicht zuletzt, weil Schmerz nicht gleich Schmerz ist. Entzündlicher Schmerz unterscheidet sich von Nervenschmerz, akute Beschwerden von chronifizierten. Eine wirksame Therapie braucht deshalb mehrere Bausteine, die individuell zusammengesetzt werden müssen. 

Medikamentöse Therapie

Eine differenzierte Diagnostik ist Voraussetzung – denn nicht jedes Schmerzmittel hilft bei jedem Schmerztyp. Prof. Pogatzki-Zahn betont, dass es keinen Standard, sondern nur individuell passende Lösungen für die Betroffenen gibt. Daher sollte die Auswahl eines Medikaments auf die Art des Schmerzes abgestimmt sein.

Wichtige Schmerzmittelgruppen im Überblick:

  • z. B. Ibuprofen, Diclofenac
  • wirksam bei entzündlich bedingten Schmerzen, z. B. während der Menstruation
    Wichtig: nur kurzfristig und ärztlich begleitet anwenden wegen möglicher Nebenwirkungen
  • nicht zur Behandlung von Depressionen, sondern wirksam bei neuropathischen Schmerzen

  • wirken auf die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem

  • ursprünglich gegen Anfallserkrankungen (wie Epilepsie) entwickelt, heute bewährt bei Nervenschmerzen

  • gezielt einsetzbar bei bestimmten Schmerztypen

  • nur bei starken Schmerzen unter enger ärztlicher Kontrolle

  • nicht für die Langzeitanwendung geeignet – Risiko von Abhängigkeit und Nebenwirkungen

Medikamente sollten nicht dauerhaft ohne ärztliche Begleitung eingenommen werden. Was nicht wirkt, muss konsequent abgesetzt und ggf. ersetzt werden.

Nicht-medikamentöse Ansätze

Gerade bei chronifizierten Schmerzen sind Medikamente allein selten ausreichend. Mindestens ebenso wichtig sind nicht-medikamentöse Maßnahmen, die individuell abgestimmt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. Viele Betroffene berichten über spürbare Verbesserungen durch das Zusammenspiel von Bewegung und Psychotherapie.

 

Psychologische Begleitung

  • Psychoedukation (Verständnis für Schmerzprozesse)
  • Verhaltenstherapie
  • Körperorientierte Verfahren (z. B. Schmerzbewältigung, Entspannungstechniken)
  • Sozialer Rückhalt als stabilisierender Faktor

Bewegungstherapie

  • z. B. Muskelkrafttraining, Yoga, gezielte Beckenbodenarbeit
  • Kombination aus Aktivierung und Entspannung
  • individuell angepasst, idealerweise begleitet durch Physiotherapeut*innen

 

Operative und hormonelle Therapie: sinnvoll kombinieren

Operationen (z. B. die laparoskopische Entfernung von Herden) können Schmerzen lindern – aber auch neue Schmerzen verursachen. Sie sollten daher durchgeführt werden, wenn ein klarer therapeutischer Nutzen zu erwarten ist.

Hormontherapien können gezielt zur Rezidivprophylaxe nach OPs eingesetzt werden. Die Auswahl geeigneter Präparate ist abhängig vom individuellen Beschwerdebild, der Lebensphase und ggf. einem bestehenden Kinderwunsch.

Schmerz trotz Behandlung?

Bleiben Schmerzen auch nach einer Operation bestehen, ist das besonders belastend für Betroffene. Auch nach einer Entfernung der Endometriose-Herde können Schmerzen bestehen bleiben – oder sich sogar an neue Orte verlagern. Die direkte Verbindung zwischen Schmerz und Endometriose-Herd kann sich mit der Zeit auflösen, was die Therapie weiter erschwert.

Diese komplexe Symptomatik unterstreicht, wie wichtig eine individuelle, interdisziplinäre und langfristige Schmerztherapie ist – besonders für Menschen mit Endometriose, bei denen Schmerzen häufig weit über die Menstruation hinausreichen.

Die Endometriose-Vereinigung Deutschland unterstützt Betroffene durch eine kostenfreie Endometriose-Beratung.

 

Multimodale Schmerztherapie im spezialisierten Zentrum

In zertifizierten Schmerzzentren oder interdisziplinären Endometriose-Zentren kann eine sogenannte multimodale Schmerztherapie durchgeführt werden – idealerweise mit Gynäkologie, Schmerzmedizin, Psychosomatik und Physiotherapie im Team.

Kennzeichen multimodaler Therapie sind:

  • interdisziplinäre Diagnostik
  • individuell kombinierte Therapieelemente
  • intensives Programm über mehrere Wochen
  • Gruppensettings mit individualisierter Betreuung

Ein solcher Ansatz ist nicht für jede Betroffene notwendig – aber oft sinnvoll, wenn der Schmerz das Leben dominiert und frühere Therapien nicht ausreichen. Doch genau an diesem Punkt zeigen sich in der aktuellen Versorgung noch deutliche Lücken: Es gibt zu wenige spezialisierte Zentren, zu wenig gesichertes Wissen darüber, welche Therapiekombinationen im individuellen Fall am wirksamsten sind, und nach wie vor fehlt es häufig an einer systematischen Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie und Schmerzmedizin.

Hinzu kommt, dass gezielte Behandlungsmaßnahmen oft erst dann eingeleitet werden, wenn der Schmerz bereits chronifiziert ist – also deutlich zu spät. Prof. Pogatzki-Zahn plädiert deshalb klar dafür, dass Schmerztherapie bei Endometriose früher ansetzen, individueller geplant und konsequent interdisziplinär gedacht werden muss.

Ziel einer multimodalen Therapie ist eine interdisziplinär abgestimmte Behandlung, die medizinische, psychologische und bewegungstherapeutische Elemente sinnvoll kombiniert. Sie ist vor allem dann sinnvoll, wenn langjährige Schmerzen bestehen, mehrere Therapieversuche keine ausreichende Linderung gebracht haben und der Schmerz Alltag und Lebensqualität deutlich einschränkt.

Weitere Informationen zur Behandlung chronischer Schmerzen gibt es im Video zum Fachgepräch mit Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn.

Aus Community: Eure Fragen – Prof. Pogatzki-Zahn antwortet 

Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn ist Professorin am Universitätsklinikums Münster. Hier leitet sie als Anästhesistin und Schmerztherapeutin den Schmerzdienst sowie die wissenschaftliche Arbeitsgruppe „Translationalen Schmerzforschung“.

Im Anschluss an das Gespräch beantwortete sie Fragen aus der Community. Ihre Einschätzungen geben Einblicke in individuelle Behandlungssituationen, Möglichkeiten und Grenzen der modernen Schmerzmedizin – auch bei sensiblen oder kontrovers diskutierten Ansätzen.

 

Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn

Opiate sind wirksame Schmerzmittel, die in bestimmten Situationen unverzichtbar sind – etwa in der Akutmedizin oder nach Operationen. In der Langzeitanwendung sind sie jedoch kritisch zu sehen. Denn: Bei längerem Einsatz können sie ihre Wirkung verlieren, Schmerzen sogar verstärken und starke Nebenwirkungen hervorrufen. Eine gezielte, zeitlich begrenzte Gabe – zum Beispiel zur Überbrückung und Aktivierung – kann sinnvoll sein, sollte aber immer ärztlich begleitet werden. Eine dauerhafte Einnahme sollte nur in engmaschiger Kontrolle und mit klarer Indikation erfolgen.

Ja, das ist möglich. Besonders nach einer Kombination aus Operation und anschließender Hormontherapie kann es zu deutlicher Besserung bis hin zur Schmerzfreiheit kommen. Das ist aber nicht der Regelfall. Viel häufiger braucht es eine Kombination verschiedener medikamentöser und nicht-medikamentöser Verfahren, die individuell angepasst werden – oft über Jahre hinweg.

Dabei handelt es sich um einen invasiven Eingriff, bei dem ein Neurostimulator am Rückenmark implantiert wird. Erste Studien zeigen Wirksamkeit, aber: Die Methode birgt erhebliche Risiken und sollte nur in absoluten Ausnahmefällen in Betracht gezogen werden – nach umfassender Diagnostik, Ausschöpfung anderer Optionen und immer mit einer Zweitmeinung durch erfahrene Schmerzmediziner*innen.

Substanzen wie trizyklische Antidepressiva oder Antikonvulsiva beeinflussen die Schmerzverarbeitung im Nervensystem und sind bei bestimmten Schmerzarten – insbesondere neuropathischen Schmerzen – etabliert. Sie wirken nicht gegen die Endometriose selbst, können aber chronische Schmerzen lindern. Wichtig: Diese Medikamente müssen regelmäßig eingenommen werden, da sie einen Wirkspiegel aufbauen. Eine Einnahme „nach Bedarf“ ist wirkungslos und kann Nebenwirkungen verstärken.

Eine sichere Unterscheidung ist nicht immer möglich – aber es gibt Hinweise. Wenn Schmerzen fortbestehen, obwohl keine aktiven Herde nachweisbar sind, spricht man von „noziplastischen Schmerzen“ – einem Schmerztyp, bei dem das zentrale Nervensystem eine zentrale Rolle spielt. In solchen Fällen ist eine multimodale Schmerztherapie besonders wichtig. Moderne Bildgebung und spezialisierte Diagnostik können helfen, eine differenzierte Einschätzung zu treffen.

Cannabis kann in Einzelfällen hilfreich sein – etwa bei starken Schmerzen, wenn andere Mittel nicht ausreichend wirken. Es ist jedoch keine Erstlinientherapie und sollte nur unter ärztlicher Aufsicht und nach individueller Abwägung eingesetzt werden. Besonders bei jungen Frauen unter 25 ist Vorsicht geboten, da sich Cannabis auf die Gehirnentwicklung auswirken kann. Auch hier gilt: Es gibt kein generelles Nein – aber ebenso kein unkritisches Ja.

Das Fachgespräch zum Nachschauen

Das vollständige Video mit Prof. Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn finden Sie hier:

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FAQ - Endometriose und Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen sind Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten – häufig zyklusunabhängig und im Alltag deutlich einschränkend. Bei Endometriose betreffen sie meist den Unterbauch, können aber auch Rückenschmerzen, Blasen- oder Darmbeschwerden verursachen.

Häufig liegt ein sogenannter Mischschmerz vor – also eine Kombination aus entzündlichem und neuropathischem Schmerz. Während entzündlicher Schmerz krampfartig und zyklusabhängig auftritt, sind neuropathische Schmerzen oft stechend, brennend und unabhängig vom Zyklus.

Neben den Herden selbst spielen entzündliche Reaktionen, Nervenschädigungen und Veränderungen im zentralen Nervensystem eine Rolle. Ein zentrales Konzept ist das Schmerzgedächtnis: Der Körper „lernt“ den Schmerz, der dann selbstständig weiterbestehen kann – auch nach einer OP.

Viele Betroffene berichten zusätzlich über Reizdarmsyndrom, Migräne oder Blasenschmerzen. Diese Überlappung weist auf eine gestörte Schmerzverarbeitung im gesamten Nervensystem hin – nicht nur im Beckenbereich.

Wenn Schmerzen über Monate bestehen bleiben, zyklusunabhängig werden, Begleitsymptome zunehmen und die Lebensqualität spürbar sinkt, liegt wahrscheinlich eine Schmerzchronifizierung vor – ein eigenständiges Krankheitsbild.

Neben der gynäkologischen Abklärung sind strukturierte Schmerzfragebögen, Anamnesegespräche und ggf. interdisziplinäre Diagnostik nötig – u. a. mit Schmerzmediziner*innen, Psychosomatik und Physiotherapie.

Neben Gynäkologie und Schmerzmedizin können auch Fachrichtungen wie Psychotherapie, Gastroenterologie, Orthopädie oder Physiotherapie Teil der Diagnostik und Behandlung sein.

Welche medikamentösen Therapien helfen?

  • NSAR (z. B. Ibuprofen): Wirksam bei entzündlichen Schmerzen

  • Antidepressiva: Wirken bei neuropathischen Schmerzen – nicht zur Behandlung von Depression

  • Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin): Beeinflussen die Schmerzverarbeitung bei Nervenschmerzen

  • Opioide: Nur bei starken Schmerzen – kurzzeitig und unter ärztlicher Kontrolle

Ja. Wichtig sind psychologische Verfahren (Verhaltenstherapie, Psychoedukation), Bewegungstherapie (z. B. Beckenbodentraining, Yoga) sowie soziale Unterstützung. Diese ergänzen medikamentöse Maßnahmen sinnvoll.

Ziel einer multimodalen Therapie ist eine interdisziplinär abgestimmte Behandlung, die medizinische, psychologische und bewegungstherapeutische Elemente sinnvoll kombiniert. Sie ist vor allem dann sinnvoll, wenn:

  • langjährige Schmerzen bestehen

  • mehrere Therapieversuche keine ausreichende Linderung gebracht haben

  • der Schmerz Alltag und Lebensqualität deutlich einschränkt

Sehr wichtig. Je früher individuell passende Maßnahmen eingeleitet werden, desto besser lassen sich Chronifizierung und Schmerzverstärkung verhindern. Aktuell erfolgt die Therapie oft zu spät – hier besteht laut Expert*innen dringender Verbesserungsbedarf.

Opiate können kurzfristig hilfreich sein, sind aber nicht zur langfristigen Einnahme geeignet. Sie können ihre Wirkung verlieren, Schmerzen verstärken und abhängig machen. Eine gezielte, ärztlich begleitete Anwendung ist entscheidend.

Ja – etwa nach einer erfolgreichen Kombination aus Operation und Hormontherapie. Häufiger braucht es jedoch eine langfristige, multimodale Therapie mit individueller Abstimmung.

Cannabis kann helfen, ist aber keine Standardtherapie. Es sollte nur ärztlich verordnet und unter genauer Abwägung eingesetzt werden – insbesondere nicht bei jungen Betroffenen unter 25 Jahren.

Nicht immer eindeutig. Wenn keine aktiven Herde nachweisbar sind, aber weiterhin Schmerzen bestehen, kann ein „noziplastischer Schmerz“ vorliegen – eine Form des Schmerzgedächtnisses. In solchen Fällen ist multimodale Therapie besonders wichtig.

Danke

Unsere Themenreihe „Endometriose - begleitende Beschwerden und Erkrankungen" im Rahmen unserer 29. Jahrestagung ist uns ein Herzensanliegen: Wir wollen Raum schaffen für Wissen, Austausch und neue Perspektiven auf die vielfältigen Begleiterscheinungen von Endometriose.

Hilfreiche Informationen zu 11 weiteren häufigen Begleitbeschwerden und -erkrankungen bei Endometriose finden Sie hier.

Unser besonderer Dank gilt dem AOK Bundesverband, der mit seiner Unterstützung maßgeblich dazu beigetragen hat, diese Themenreihe im Rahmen der Jahrestagung möglich zu machen. 

Ein herzliches Dankeschön auch an alle Mitwirkenden, die mit ihrem Wissen, Engagement und Herzblut diese Themenreihe gestaltet haben!

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