Endometriose und Lipödem

Viele Menschen mit Endometriose berichten zusätzlich über chronische Schmerzen und Veränderungen des Fettgewebes, wie sie auch beim Lipödem auftreten. Zentrale Mechanismen können hormonelle Einflüsse, entzündliche Prozesse und eine veränderte Schmerzverarbeitung sein, die beide Erkrankungen miteinander verbinden und die Beschwerden verstärken können. Dies macht eine differenzierte Diagnostik und eine interdisziplinäre, multimodale Behandlung erforderlich.

Basierend auf einem Fachgespräch mit Prof. Dr. med. Joachim Erlenwein, das im Rahmen der Gesprächsreihe zu begleitenden Beschwerden und Erkrankungen bei Endometriose im Kontext unserer Jahrestagung 2025 stattfand, haben wir Informationen zu Symptomen, Diagnostik und Behandlungsansätzen des Lipödems sowie zu multimodalen Strategien im Umgang mit chronischen Schmerzen zusammengetragen.

Was ist ein Lipödem?

Das Lipödem ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung des Fettgewebes, die vor allem Frauen* betrifft, meist ab der Pubertät, seltener nach Schwangerschaften oder in der Menopause. Medizinisch wird es als Fettverteilungsstörung beschrieben, die sich typischerweise symmetrisch an den Extremitäten zeigt: vor allem an Oberschenkeln, Unterschenkeln und bei etwa einem Drittel der Betroffenen auch an den Armen.

Charakteristisch ist, dass Hände und Füße in der Regel ausgespart bleiben – ein Unterscheidungsmerkmal zur klassischen Adipositas oder Lymphödemen. Auch die Proportionen können auffallen: Während Beine oder Arme stark betroffen sind, bleibt der Oberkörper oft schlank.

Wichtig: Lipödem ist keine klassische Fettleibigkeit. Zwar kommt es zu einer Fettgewebsvermehrung, diese ist jedoch nicht mit der üblichen Adipositas zu verwechseln – insbesondere, weil die betroffenen Körperregionen in vielen Fällen schmerzhaft sind. Genau hier liegt ein zentrales Unterscheidungsmerkmal.

*An Lipödem und Endometriose können Mädchen und Frauen erkranken, sowie Personen, die sich nicht als Mädchen der Frau fühlen, aber mit einem weiblichen Chromosomensatz (46 XX) geboren wurden. Alle Menschen mit einem weiblichen Chromosomensatz können erkranken, unabhängig vom Vorhandensein einer Gebärmutter, von Alter, ethnischer Herkunft, Geschlechtsidentität, sozialem Hintergrund oder Lebensstil.

 

Lipödem erkennen – Typische Symptome

Da es keine eindeutige Laboruntersuchung oder bildgebende Diagnostik für das Lipödem gibt, handelt es sich um eine sogenannte klinische Diagnose. Das heißt, die Diagnose wird primär durch sichtbare Veränderungen und typische Beschwerden gestellt.

Wichtige Hinweise können sein:

  • Symmetrische Schwellungen an Beinen oder Armen, die über den Tag zunehmen

  • Spannungsgefühle oder Druckempfindlichkeit im Gewebe

  • Dauerhafte Schmerzhaftigkeit in den betroffenen Bereichen

  • Neigung zu blauen Flecken – häufiger als bei anderen Erkrankungen

  • Knoten oder Verhärtungen im Unterhautfettgewebe

  • Später auch Hautfalten oder „Furchenbildung“ in höhergradigen Stadien

Gerade der chronische Schmerz im Fettgewebe unterscheidet das Lipödem deutlich von Adipositas. Wer also unter dauerhaft schmerzhaften, symmetrischen Fettvermehrungen leidet – besonders an den Beinen – sollte an ein Lipödem denken und ärztlich abklären lassen.

Endometriose und Lipödem

Immer wieder berichten Betroffene, dass bei ihnen sowohl eine Endometriose als auch ein Lipödem diagnostiziert wurde oder zumindest der Verdacht auf beides besteht. Doch wie häufig kommt diese Kombination tatsächlich vor? Und gibt es medizinische Erklärungen für einen Zusammenhang?

Prof. Erlenwein weist darauf hin: Auch wenn es viele persönliche Berichte über das gleichzeitige Auftreten von Endometriose und Lipödem gibt, zeigen wissenschaftliche Studien bislang keine klare Häufung. Eine größere italienische Untersuchung fand beispielsweise keinen signifikanten Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen in einem Endometriose-Kollektiv.

Auch die Häufigkeit des Lipödems allein ist schwer einzugrenzen: Schätzungen schwanken zwischen 3 und 15 % – je nach Studie, Diagnosekriterien und untersuchter Patient*innengruppe. Die Spannbreite zeigt: Die Datenlage ist noch dünn, was eine klare Aussage über Koinzidenzen erschwert.

Trotzdem gilt, dass beide Erkrankungen durchaus gemeinsam auftreten können, auch wenn bislang keine spezifische Wechselwirkung belegt ist. Für Betroffene heißt das: Besteht der Verdacht auf ein Lipödem zusätzlich zur Endometriose, sollte dies ärztlich geprüft und nicht vorschnell ausgeschlossen werden.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Auch wenn Endometriose und Lipödem grundsätzlich unterschiedliche Krankheitsbilder mit eigener Entstehung sind, zeigen sich einige übergeordnete Parallelen, insbesondere in Bezug auf:

Beide Erkrankungen scheinen in bestimmten hormonellen Lebensphasen gehäuft aufzutreten oder sich zu verstärken, z. B. während Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause. Besonders Östrogen steht immer wieder im Fokus: Während es bei der Endometriose das Wachstum der Herde fördert, wird auch beim Lipödem ein Einfluss auf das Fettgewebe diskutiert. Der genaue hormonelle Mechanismus ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.

Beide Erkrankungen gelten als chronisch-entzündlich und weisen fibröse Veränderungen auf, also Veränderungen im Bindegewebe, durch Narbenbildung bspw. Diese Ähnlichkeit darf jedoch nicht als Beweis für einen Zusammenhang gewertet werden, sondern zeigt eher parallele Prozesse im Körper.

Sowohl Endometriose als auch Lipödem betreffen fast ausschließlich Frauen*, was weitere Hinweise auf hormonelle Abhängigkeiten liefert.

Prof. Erlenwein betont jedoch: Trotz dieser Parallelen sind die Erkrankungen in ihrer Genese klar voneinander zu trennen. Ähnliche Symptome oder zeitgleiche Diagnosen bedeuten nicht automatisch, dass die eine Erkrankung die andere bedingt oder verstärkt.

Eine häufige Frage aus der Community betrifft die Unterscheidung der Symptome: Wie lässt sich beispielsweise erkennen, ob schmerzende, schwere Beine auf ein Lipödem oder auf hormonelle Nebenwirkungen einer Endometriose-Therapie zurückgehen? Prof. Erlenwein betont, dass eine klare Trennung ist nicht immer möglich sei.

Grundsätzlich kann es Hinweise geben:

  • Zyklusabhängigkeit spricht eher für Endometriose-Beschwerden

  • Dauerhafte, symmetrische Druckempfindlichkeit in den Extremitäten ist eher typisch für das Lipödem

Doch diese Einteilung ist nur ein grober Richtwert. In der Realität erleben viele Menschen eine Überlagerung von Symptomen, die sich nicht eindeutig einer Ursache zuordnen lassen. Prof. Erlenwein spricht in diesem Zusammenhang von „Gemengelagen“, also komplexen Zuständen, bei denen mehrere Faktoren zusammenwirken.

Gerade im Kontext chronischer Schmerzen sei es laut ihm nicht immer sinnvoll, auf eine klare Diagnosegrenze zu bestehen. Wichtiger sei, realistische Wege zu finden, um Beschwerden zu lindern, Alltagsfunktionen zu verbessern und die Belastung zu verringern.

 

Weitere Informationen zu Lipödem und Endometriose gibt es im Video zum Fachgespräch mit Prof. Dr. Erlenwein.

Wie wird Lipödem diagnostiziert?

Die Diagnose eines Lipödems ist eine klinische Diagnose, das heißt: Sie basiert vor allem auf dem ärztlichen Eindruck und der körperlichen Untersuchung, nicht auf Blutwerten oder bildgebenden Verfahren. Auch wenn ergänzende Untersuchungen wie Ultraschall, MRT oder Lymphszintigraphie manchmal zur Differenzialdiagnostik eingesetzt werden (z. B. zum Ausschluss von Lymphabflussstörungen oder venösen Erkrankungen), ist dies nicht zwingend notwendig, um ein Lipödem zu erkennen.

Wer ist zuständig?

Prof. Erlenwein nennt mehrere Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können:

  • Hausärzt*innen
    Erste Anlaufstelle für eine Einschätzung und ggf. Überweisung

  • Dermatologie 
    Häufig zuständig bei Fettverteilungsstörungen und für die Diagnosestellung

  • Angiologie (Gefäßmedizin)
    Bei Fragen zu Schwellungen, Durchblutungs- oder Venensystem

  • Lymphologie
    Spezialisierte Fachrichtung für Erkrankungen des Lymphsystems

Tipp: Nicht jede Praxis ist mit dem Lipödem vertraut. Vor dem Termin kann es hilfreich sein, nach Erfahrung mit dem Krankheitsbild zu fragen. 

Gut vorbereitet ins Arztgespräch

Viele Betroffene berichten von kurzen oder oberflächlichen ärztlichen Kontakten, bei denen sie ihre Sorgen kaum ansprechen konnten. Prof. Erlenwein empfiehlt deshalb eine klare Vorbereitung, gerade wenn der Verdacht auf ein Lipödem besteht:

 

Klare Formulierung des Anliegens
Eine präzise Fragestellung – etwa der Wunsch, einen Lipödem-Verdacht abzuklären – hilft Fachpersonen, sich direkt auf das Wesentliche zu konzentrieren. So wird die Diagnostik strukturierter und Missverständnisse werden vermieden.

 

 

Strukturierte Vorbereitung von Fragen
Ärztliche Gespräche können durch Nervosität oder Zeitdruck belastend sein. Eine vorbereitete Fragenliste hilft, den Überblick zu behalten. Mögliche Fragestellungen sind beispielsweise:

  • Welche Befunde sprechen für oder gegen ein Lipödem?

  • Sind zusätzliche Untersuchungen oder Überweisungen notwendig?

  • Welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen, sowohl kurzfristig als auch langfristig?

 

 

Aktives Nachfragen und Feedback
Bei komplexen oder chronischen Beschwerden sollten Unklarheiten offen angesprochen werden. Sollte der Eindruck entstehen, nicht alle wichtigen Aspekte hätten Gehör gefunden, kann dies am Ende des Gesprächs rückgemeldet werden. Rückfragen und kurzes Feedback am Gesprächsende helfen, nichts Wichtiges zu übersehen und medizinische Erklärungen oder Therapieoptionen besser zu verstehen.

 

Therapie von Lipödem

Die Behandlung des Lipödems umfasst verschiedene Ansätze, die je nach Ausprägung der Erkrankung und individueller Beschwerdesituation kombiniert werden. Im Vordergrund stehen Maßnahmen zur Linderung von Schmerzen, zur Reduktion von Schwellungen und zur Verbesserung der Lebensqualität.

Die konservative Behandlung des Lipödems zielt in erster Linie darauf ab, Schwellungen zu reduzieren und Beschwerden zu lindern. Zu den bewährten Maßnahmen gehören:

  • Kompressionstherapie mittels flachgestrickter Kompressionskleidung (Strümpfe oder Hosen), die den venösen und lymphatischen Rückfluss unterstützt und ein Fortschreiten der Schwellung mindert.

  • Manuelle Lymphdrainage, um den Abtransport überschüssiger Flüssigkeit aus dem Gewebe zu fördern.

  • Bewegungstherapie, insbesondere gelenkschonende Aktivitäten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking. Körperliche Aktivität kann den Lymphfluss unterstützen, entzündliche Prozesse positiv beeinflussen und das Schmerzempfinden verringern.

Diese Maßnahmen gelten als grundlegende Säulen der symptomorientierten Lipödem-Therapie. Ergänzend werden oft auch Ernährungsempfehlungen und Hautpflege in die Behandlung integriert, wenngleich sie das Lipödem selbst nicht heilen können.

Bei fortgeschrittenem Lipödem oder unzureichender Linderung durch konservative Maßnahmen kann eine Liposuktion (Fettabsaugung) in Erwägung gezogen werden. Dieses mechanische Verfahren dient dazu, krankhaft vermehrtes Fettgewebe dauerhaft zu entfernen. Die dabei eingesetzte Technik löst Fettzellen durch eine spezielle Flüssigkeit im Unterhautfettgewebe und saugt sie anschließend ab.

Seit der Änderung der gesetzlichen Regelungen im Jahr 2023 können die Kosten einer Liposuktion in bestimmten Fällen von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden, sofern eine medizinische Indikation vorliegt und die konservative Behandlung ausgeschöpft wurde. Langfristige Studien zeigen teils vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich Beschwerdelinderung über mehrere Jahre, wenngleich mehrere Eingriffe nötig sein können. Die individuelle Eignung sollte mit spezialisierten plastisch-chirurgischen Zentren abgeklärt werden.

Für viele Betroffene – insbesondere mit zusätzlicher Endometriose – steht die Schmerzbelastung im Zentrum des Krankheitsgeschehens. Sowohl Lipödem als auch Endometriose gelten als nicht kausal behandelbare Erkrankungen, d. h. eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich. Ziel ist es daher, die Lebensqualität trotz bestehender Beschwerden zu verbessern.

Ein wirkungsvolles Instrument hierfür ist die interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie. Sie basiert auf dem biopsychosozialen Krankheitsmodell und setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen:

  • Ärztliche Schmerzmedizin, z. B. medikamentöse Behandlung oder Beratung zur Therapieplanung

  • Psychotherapeutische Begleitung, etwa zur Stärkung von Selbstwirksamkeit, Umgang mit Schmerz oder Stressverarbeitung

  • Bewegungs- und Physiotherapie, zur Förderung der Mobilität, Muskelentspannung und Körperwahrnehmung

  • Entspannungsverfahren wie Atemtechniken oder Achtsamkeitstraining

Im Fokus steht dabei nicht die vollständige Schmerzfreiheit, sondern die Rückgewinnung von Selbstbestimmung im Alltag, der Schmerz soll in seiner dominierenden Rolle reduziert werden.

Neben medizinisch-therapeutischen Verfahren berichten viele Betroffene über komplementäre Maßnahmen, die unterstützend wirken, etwa Aromaöle, Massagen oder bestimmte Nahrungsergänzungsmittel. Wissenschaftlich belastbare Daten dazu liegen bislang nur begrenzt vor. Wichtig bleibt eine individuelle Einschätzung und professionelle Begleitung.

Besonders relevant ist auch die psychosoziale Dimension chronischer Erkrankungen: In der Schmerzmedizin zeigt sich häufig, dass viele Patient*innen mit Lipödem oder Endometriose hohe Ansprüche an sich selbst stellen, etwa durch Leistungsideale, Überforderung im Alltag oder mangelnde Selbstfürsorge. Diese Faktoren allein sind nicht krankheitsauslösend, können aber maßgeblich zur Chronifizierung von Schmerzen beitragen.

Ein zentraler Bestandteil erfolgreicher Therapien ist daher, gemeinsam mit den Betroffenen Wege zu entwickeln, um:

  • die eigenen Belastungsgrenzen besser wahrzunehmen

  • Verhaltensmuster wie Überlastung zu erkennen und zu verändern

  • Ressourcen für Regeneration und Lebensqualität gezielt zu stärken

Hierbei handelt es sich um lern- und übungsbasierte Prozesse, die Zeit, Unterstützung und ein hohes Maß an individueller Begleitung erfordern, zugleich aber entscheidend dazu beitragen können, mit der Erkrankung besser umzugehen.

 

Weitere Informationen zu Lipödem und Endometriose gibt es im Video zum Fachgespräch mit Prof. Dr. Erlenwein.

Aus der Community: Eure Fragen – Prof. Erlenwein antwortet

 

Prof. Dr. med. Joachim Erlenwein ist ärztlicher Direktor des Schmerzzentrums in Mainz. Als Schmerzmediziner beschäftigt er sich seit vielen Jahren klinisch und wissenschaftlich mit der interdisziplinären multimodalen Therapie chronischer Schmerzen, unter anderem bei Fibromyalgie, Nervenschmerzen und chronischen Schmerzen bei Endometriose. Zudem war er an der Aktualisierung der Endometriose-Leitlinie beteiligt und verantwortete dort die Schmerzthemen.

Im Anschluss an das Gespräch beantwortete er Fragen aus der Community zu Schmerzen, Therapien und hormonellen Einflüssen. Seine Einschätzungen geben Einblicke in individuelle Behandlungssituationen sowie in Möglichkeiten und Grenzen der modernen Schmerzmedizin.

Prof. Dr. Joachim Erlenwein

Im frühen Stadium eines Lipödems steht häufig ein symmetrisches Spannungsgefühl in den Beinen im Vordergrund. Dieses entsteht durch die vermehrte Fettgewebseinlagerung und mögliche Ödeme, die auf Dehnungsrezeptoren im Gewebe wirken. Im Verlauf kann sich das Schmerzsystem zunehmend verändern, ein Phänomen, das in der Schmerzmedizin als Sensibilisierung bezeichnet wird.

Dabei unterscheidet man:

  • Periphere Sensibilisierung – Schmerzrezeptoren im Gewebe reagieren schneller oder stärker als gewöhnlich.

  • Zentrale Sensibilisierung – das zentrale Nervensystem (Rückenmark, Gehirn) verändert sich langfristig, wodurch Schmerzen auch ohne akuten Reiz fortbestehen können.

Vermutlich ja. Endometriose wird häufig mit Gestagenen behandelt, die den Hormonspiegel beeinflussen. Ob und wie sich das auf das Lipödem auswirkt, ist nicht abschließend geklärt. Allerdings wird angenommen, dass Östrogene einen ungünstigeren Einfluss auf das Lipödem haben können, daher sind Gestagen-Therapien theoretisch besser geeignet. Genaue Aussagen sind aber aktuell nicht möglich.

Bei akuten Beschwerden, z. B. zyklusabhängigen Endometriose-Schmerzen, können gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen hilfreich sein. Anders sieht es bei chronischen Schmerzen aus, etwa beim Lipödem im fortgeschrittenen Stadium oder bei chronifizierten Endometriose-Schmerzen. Hier wirken Medikamente häufig nicht mehr zuverlässig, da das Schmerzsystem selbst verändert ist.

In diesen Fällen helfen oft nicht-medikamentöse Maßnahmen deutlich besser – z. B.:

  • Kompressionstherapie und Lymphdrainage (bei Lipödem)

  • Entspannungsverfahren, Aktivitätsanpassung, Stressregulation

  • multimodale Schmerztherapie

In bestimmten Fällen kann Hypnose oder autosuggestives Training als ergänzender Therapiebaustein hilfreich sein, z. B. um eigene Ressourcen zu aktivieren oder Stress besser zu regulieren. Es handelt sich aber nicht um eine „Zaubermethode“, sondern eher um ein Werkzeug, das individuell wirken kann.

Gute interdisziplinäre Versorgung erkennt man daran, dass mehrere Fachrichtungen eng zusammenarbeiten, z. B. Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Bewegungstherapeut*innen. Einrichtungen, die vor allem auf passive Maßnahmen wie Injektionen oder Infusionen setzen, sind nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollte im Fokus stehen, dass Betroffene selbst Strategien lernen, um mit ihrer Erkrankung umzugehen.

Ein Hinweis: Zertifizierte Endometriose-Zentren kooperieren in der Regel mit schmerzmedizinischen Einrichtungen. Es kann sich lohnen, dort gezielt nach interdisziplinären Angeboten zu fragen.

Manuelle Lymphdrainage in Kombination mit Kompressionstherapie gehört zu den zentralen Behandlungssäulen beim Lipödem. Sie helfen dabei, Ödeme und Wassereinlagerungen zu reduzieren, was den Druck und das Spannungsgefühl mindert. Auch das Risiko für fibrotische Veränderungen im Gewebe kann so gesenkt werden. Beide Maßnahmen werden von den aktuellen medizinischen Leitlinien empfohlen.

Umgang mit chronischen Erkrankungen - ein persönlicher Impuls von Prof. Erlenwein

Chronische Erkrankungen wie Lipödem und Endometriose sind häufig nicht vollständig heilbar, was für viele Betroffene einen tiefen Wunsch nach „Normalität“ oder „Heilung“ unerfüllt lässt. Prof. Erlenwein betont, dass genau hier ein zentraler Wendepunkt im Umgang mit der Erkrankung liegt: Nicht die Abwesenheit von Beschwerden, sondern der Umgang mit ihnen wird zum Schlüssel für mehr Lebensqualität.

Ein wesentliches Konzept ist dabei die Akzeptanz, nicht im Sinne von Resignation, sondern als aktives Annehmen der Situation. Schmerz, so erklärt er, wird im Gehirn nicht objektiv, sondern im Kontext seiner Bedeutung wahrgenommen. Je bedrohlicher oder belastender eine Erkrankung empfunden wird, desto stärker reagiert das Nervensystem, eine Art evolutionäres Alarmsystem. Die Folge: Beschwerden verstärken sich, ohne dass sich die Ursache verändert hat.

Akzeptanz bedeutet in diesem Zusammenhang: Die Erkrankung nicht als Gegner zu betrachten, gegen den ununterbrochen gekämpft werden muss, sondern als Teil der Lebensrealität, mit der neue Wege gefunden werden können. Das kann Entlastung schaffen und verhindern, dass der Schmerz das gesamte Leben bestimmt.

Ein Beispiel aus Prof. Erlenweins Praxis verdeutlicht dies: Zwei Menschen nehmen die gleiche unangenehme Musik ihrer Nachbarn unterschiedlich wahr – je nachdem, ob sie mit den Nachbarn im Konflikt stehen oder ihnen wohlgesonnen sind. Wie wir etwas bewerten, beeinflusst, wie intensiv wir es wahrnehmen.

Was zählt, ist Lebensqualität – nicht Schmerzfreiheit um jeden Preis

Ein Zitat von Prof. Erlenwein fasst die therapeutische Zielrichtung eindrucksvoll zusammen:

„Die wirksamste Methode, Menschen mit chronischen Schmerzen zu behandeln, ist, sie wieder in ihr normales Leben zurückzubringen und dort zu halten.“
(nach George Waddell)

Daher steht nicht die vollständige Eliminierung des Schmerzes im Zentrum, sondern die Rückkehr in ein selbstbestimmtes, aktives Leben. Auch andere chronische Erkrankungen – wie Diabetes – werden nicht durch „Wegmachen“ behandelt, sondern durch das Erlernen eines kompetenten Umgangs. Genau diese Haltung empfiehlt Prof. Erlenwein auch für Betroffene von Endometriose und Lipödem.

 

Das Fachgespräch zum Nachschauen

Das vollständige Interview mit Prof. Dr. med. Joachim Erlenwein zum Thema Endometriose und Lipödem finden Sie hier:

 

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FAQ - Endometriose und Lipödem

Ein Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Fettgewebes, bei der sich symmetrisch Fett an Beinen oder Armen ansammelt, meist begleitet von Schmerzen, Spannungsgefühlen und einer Druckempfindlichkeit. Typisch ist, dass Hände und Füße ausgespart bleiben. Anders als bei der klassischen Fettleibigkeit (Adipositas) geht es beim Lipödem nicht nur um Gewicht, sondern um eine krankhafte Verteilungsstörung des Fettgewebes.

Die Erkrankung betrifft überwiegend Frauen* und tritt häufig ab der Pubertät, nach Schwangerschaften oder in den Wechseljahren auf.

Es gibt keine einzelne Laboruntersuchung, um ein Lipödem sicher festzustellen. Die Diagnose wird klinisch gestellt, also durch das ärztliche Gespräch und die körperliche Untersuchung.

Typische Anzeichen sind:

  • Symmetrische Schwellungen an Beinen oder Armen

  • Spannungsgefühl und Druckschmerz im Gewebe

  • Neigung zu blauen Flecken

  • Vermehrtes Fettgewebe trotz schlankem Oberkörper

  • Knoten oder Verhärtungen im Unterhautfett

  • Schmerzen, die nicht direkt mit dem Gewicht zusammenhängen

Während sich bei der Adipositas das Fett im gesamten Körper ansammelt, betrifft das Lipödem nur bestimmte Körperbereiche – meist Beine, seltener Arme, ohne die Hände und Füße. Zudem ist das Lipödem schmerzhaft, während Fettgewebe bei Adipositas in der Regel nicht wehtut. Auch reagiert das Lipödem nicht oder nur begrenzt auf Gewichtsreduktion durch Diäten oder Sport.

Ja, das ist möglich, auch wenn wissenschaftliche Studien bisher keinen eindeutigen Zusammenhang zeigen. Dennoch berichten viele Betroffene über beide Diagnosen. Es gibt parallele Einflussfaktoren, etwa:

  • Hormonelle Veränderungen (z. B. durch Östrogen)

  • Chronisch-entzündliche Prozesse

  • Die Tatsache, dass beide Erkrankungen fast ausschließlich Frauen* betreffen

Die Beschwerden können sich überlagern, z. B. durch schwere, schmerzende Beine, die sowohl von der Endometriose-Therapie als auch vom Lipödem kommen können.

Zyklusabhängige Schmerzen sprechen eher für Endometriose. Dauerhafte, symmetrische Schmerzen an Armen oder Beinen, insbesondere mit Druckempfindlichkeit, sind eher typisch für ein Lipödem.
In der Praxis sind die Symptome jedoch oft nicht eindeutig zu trennen. Prof. Erlenwein spricht von sogenannten „Gemengelagen“, bei denen mehrere Krankheitsmechanismen gleichzeitig eine Rolle spielen. Ziel ist nicht immer eine scharfe Abgrenzung, sondern ein individueller Umgang mit den Beschwerden.

Die Diagnose kann von verschiedenen Fachärzt*innen gestellt werden, z. B.:

  • Hausärzt*innen (erste Anlaufstelle)

  • Dermatolog*innen

  • Angiolog*innen (Gefäßmedizin)

  • Lympholog*innen (Spezialist*innen für das Lymphsystem)

Wichtig: Nicht jede Praxis kennt sich mit Lipödem aus. Vor dem Termin kann es hilfreich sein, nach Erfahrung mit dem Krankheitsbild zu fragen.

Drei zentrale Tipps von Prof. Erlenwein:

  1. Ziel klar benennen:
    Statt sich in Symptombeschreibungen zu verlieren, konkret formulieren:
    „Ich habe den Verdacht, an einem Lipödem zu leiden. Können Sie mir helfen, das abzuklären?“

  2. Fragen vorbereiten:
    Am besten schriftlich. Zum Beispiel:

    • Welche Hinweise sprechen für oder gegen ein Lipödem?

    • Brauche ich weitere Untersuchungen oder Überweisungen?

    • Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

  3. Nachfragen erlaubt:
    Offen ansprechen, wenn etwas unklar geblieben ist:
    „Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles sagen konnte, darf ich noch etwas ergänzen?“

Konservative Therapie:

  • Kompressionstherapie (z. B. flachgestrickte Kompressionsstrümpfe)

  • Manuelle Lymphdrainage

  • Bewegungstherapie, vor allem gelenkschonender Sport (z. B. Schwimmen)

Operative Therapie:

  • Liposuktion (Fettabsaugung) kann bei fortgeschrittenem Lipödem helfen

  • Seit 2023 unter bestimmten Voraussetzungen durch die gesetzliche Krankenkasse übernehmbar

Schmerztherapie:

  • Multimodale Schmerztherapie mit ärztlicher, psychologischer und physiotherapeutischer Begleitung

  • Ziel ist mehr Lebensqualität trotz Beschwerden und nicht Schmerzfreiheit um jeden Preis

Bei akuten Schmerzen (z. B. nach Verletzungen oder bei Menstruationsbeschwerden): Ja, z. B. Ibuprofen.
Bei chronischen Schmerzen durch Lipödem: Meist nur begrenzt. Medikamente helfen selten dauerhaft, stattdessen sind aktive Strategien wie Bewegung, Kompression, Entspannung oft wirksamer.

In Einzelfällen kann Hypnose oder autosuggestives Training etwa zur Stressregulation oder Aktivierung eigener Ressourcen unterstützend wirken. Sie ersetzt jedoch keine medizinische Behandlung und wirkt nicht bei allen gleich gut.

Wichtig ist eine interdisziplinäre Ausrichtung, also Teams, die aus verschiedenen Fachrichtungen bestehen.
Achten Sie auf:

  • Psychotherapeutische und physiotherapeutische Einbindung

  • Fokus auf aktive Verfahren (nicht nur Medikamente oder Injektionen)

  • Selbstmanagement-Strategien als Ziel der Therapie

Laut Prof. Erlenwein ist ein zentraler Ansatz die Akzeptanz der Erkrankung, nicht im Sinne von Resignation, sondern als Basis für neue Wege. Denn Schmerz wird vom Gehirn verstärkt wahrgenommen, wenn er als Bedrohung empfunden wird. Eine veränderte Haltung kann helfen, den Schmerz zu entmachten.

Dazu gehören:

  • Realistische Ziele setzen

  • Belastungsgrenzen erkennen

  • Ressourcen stärken, statt sich im Kampf gegen die Erkrankung zu erschöpfen

Danke

Unsere Themenreihe „Endometriose - begleitende Beschwerden und Erkrankungen" im Rahmen unserer 29. Jahrestagung ist uns ein Herzensanliegen: Wir wollen Raum schaffen für Wissen, Austausch und neue Perspektiven auf die vielfältigen Begleiterscheinungen von Endometriose.

Hilfreiche Informationen zu 11 weiteren häufigen Begleitbeschwerden und -erkrankungen bei Endometriose finden Sie hier.

Unser besonderer Dank gilt dem AOK Bundesverband, der mit seiner Unterstützung maßgeblich dazu beigetragen hat, diese Themenreihe im Rahmen der Jahrestagung möglich zu machen. 

Ein herzliches Dankeschön auch an alle Mitwirkenden, die mit ihrem Wissen, Engagement und Herzblut diese Themenreihe gestaltet haben!

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