Stellungnahme zum geplanten Ende der telefonischen Krankschreibung und zur Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag

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Die von der Bundesregierung angekündigten Pläne, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verlangen, beobachten wir als Vorstand der Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. mit Sorge.

Für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Endometriose können diese Vorhaben zu zusätzlichen Belastungen führen. Hierauf verweist auch eine Pressemitteilung der BAG Selbsthilfe.

Endometriose ist eine chronische, oft stark schmerzhafte Erkrankung, von der schätzungsweise jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter betroffen ist. Die Erkrankung geht häufig mit plötzlichen Schmerzschüben, Erschöpfung, Übelkeit, Darm- und Blasenbeschwerden, Konzentrationsproblemen sowie weiteren belastenden Symptomen einher. Viele Betroffene können an einzelnen Tagen ihrer Arbeit nicht nachgehen, benötigen aber nicht zwingend eine medizinische Untersuchung vor Ort.

Für Menschen mit Endometriose stellt die Möglichkeit einer unkomplizierten und niedrigschwelligen Krankschreibung oft keine Frage von Bequemlichkeit dar, sondern eine notwendige Entlastung in Situationen, in denen ein Besuch bei der Ärztin selbst zur zusätzlichen Belastung werden kann. Schmerzschübe treten häufig kurzfristig auf und können die Mobilität und Belastbarkeit erheblich einschränken.

Darüber hinaus sehen wir die Gefahr, dass zusätzliche Hürden bei kurzfristigen Krankmeldungen den psychischen Druck erhöhen, trotz Erkrankung arbeiten zu gehen. In der Arbeitsmedizin wird dieses Phänomen als Präsentismus bezeichnet: Beschäftigte erscheinen trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung am Arbeitsplatz, obwohl Erholung medizinisch sinnvoll wäre [1,2].

Aus einer Befragung im Jahr 2022 sowie zahlreichen Erfahrungsberichten wissen wir, dass viele Menschen mit Endometriose ohnehin einen hohen inneren Druck hinsichtlich ihrer Arbeitsfähigkeit verspüren. Sie möchten Kolleg*innen nicht zusätzlich belasten, Ausfallzeiten vermeiden und erleben häufig das Bedürfnis, ihre Erkrankung immer wieder erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Auch langfristig befürchten wir, dass die geplanten Maßnahmen eher zu einer Mehrbelastung führen. Wer notwendige Erholungsphasen hinauszögert, riskiert eine Verschlechterung des Gesundheitszustands sowie längere Ausfallzeiten. Das belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern langfristig auch das Gesundheitswesen und den Arbeitsmarkt.

Die entscheidende Frage sollte daher lauten, wie Menschen mit chronischen Erkrankungen dauerhaft gesund, leistungsfähig und im Arbeitsleben integriert bleiben. Eine moderne Gesundheitspolitik sollte Versorgung verbessern, wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen und Betroffene entlasten, statt zusätzliche Hürden zu schaffen.

Wir unterstützen ausdrücklich das Ziel, die Gesundheit und langfristige Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten zu fördern. Aus unserer Sicht gelingt dies jedoch am besten durch bedarfsgerechte Versorgung, präventive Maßnahmen und eine Berücksichtigung der besonderen Situation chronisch erkrankter Menschen. Hierfür bieten wir Vorträge für Unternehmen und Betriebe an, um Arbeitgebern Wissen zu vermitteln, Sensibilität zu schaffen und eine offene Kultur im Umgang mit chronischen Erkrankungen zu fördern.

Die Endometriose-Vereinigung wird die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und sich dafür einsetzen, dass die Lebensrealität von Menschen mit Endometriose in gesundheitspolitischen Entscheidungen angemessen berücksichtigt wird.

Mehr zum Thema „Endometriose und Arbeit“ gibt es auf unserer Themenseite.

Der Vorstand der Endometriose-Vereinigung Deutschland

Quellen:

  1. Cook, A. (S.), & van den Hoek, R. (2023). Period pain presenteeism: investigating associations of working while experiencing dysmenorrhea. Journal of Psychosomatic Obstetrics & Gynecology, 44(1). https://doi.org/10.1080/0167482X.2023.2236294 (aufgerufen am 06.07.2026)
  2. Oster, Stephan & Mücklich, Anja (2019). Präsentismus. Verlust von Gesundheit und Produktivität. Hrsg. von der Initiative Gesundheit und Arbeit. https://www.iga-info.de/fileadmin/redakteur/Veroeffentlichungen/iga_Fakten/Dokumente/Publikationen/iga-Fakten_6_Praesentismus_2019.pdf (aufgerufen am 06.07.2026)
  3. Johns, G. (2010). Presenteeism in the workplace: A review and research agenda. Journal of Organizational Behavior, 31(4), 519–542. https://doi.org/10.1002/job.630 (aufgerufen am 06.07.2026)
  4. Skagen, K., & Collins, A. M. (2016). The consequences of sickness presenteeism on health and wellbeing over time: A systematic review. Social Science & Medicine, 161, 169–177.
  5. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Präsentismus – Arbeiten trotz Krankheit. BAuA – Körperliche Gesundheit – Präsentismus – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (aufgerufen am 06.07.2026)

Symbolbild_Entspannung im Urlaub

Sommerpause

Das Team der Endometriose-Vereinigung Deutschland e. V. macht vom 13. - 24. Juli 2026 eine kleine Pause und wünscht angenehme Sommertage!

Das Beratungstelefon bleibt weiterhin besetzt und alle Beratungstermine finden wie vereinbart statt.