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Am 2. Oktober 2025 fand in Wiesbaden ein parlamentarisches Frühstück zum Thema Endometriose statt. Eingeladen hatte die Hessische Ministerin für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, Diana Stolz, die die Gäste persönlich begrüßte – sichtlich erfreut über die große Resonanz. Rund 20 Abgeordnete des Hessischen Landtags waren der Einladung gefolgt, ebenso wie die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Sonja Optendrenk.

Das Frühstück begann bereits um 7:30 Uhr morgens. Dass trotz der frühen Stunde so viele Abgeordnete gekommen sind, zeigt eindrücklich, wie ernst das Thema Endometriose in Hessen genommen wird.
Eingeladen waren Prof. Dr. Ivo Meinhold-Heerlein, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Gießen-Marburg sowie Dr. Klaus Doubek, niedergelassener Gynäkologe in Wiesbaden und 1. Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte und unsere Geschäftsführerin, Anja Moritz.
Medizinische Perspektiven
Im fachlichen Teil sprach Prof. Dr. Ivo Meinhold-Herlein über die Erkrankung Endometriose, ihre möglichen Ursachen und Therapieoptionen. Er ging auch auf ein besonderes Alleinstellungsmerkmal seines Hauses ein: Am Klinikum Gießen-Marburg wird als einem der wenigen Standorte in Deutschland die Neurostimulation zur Schmerzreduktion bei Endometriose operativ angeboten.
Dr. Klaus Doubek schilderte die Herausforderungen in der ambulanten Versorgung. Er machte deutlich, wie wichtig niedergelassene Frauenärztinnen und Frauenärzte in der Behandlung von Endometriose-Betroffenen sind – und welche Hürden es hier aktuell gibt.
Perspektive der Betroffenen
Für die Endometriose-Vereinigung Deutschland brachte Anja Moritz die Sichtweise der Betroffenen ein. Sie erinnerte daran, dass Endometriose längst keine Randnotiz mehr ist, sondern eine strukturelle Versorgungsaufgabe ersten Ranges. Hessen hat bereits erste Schritte unternommen, etwa mit der Aufnahme der Unterrichtsmaterialien der Endometriose-Vereinigung in den Bildungsserver. Doch es braucht mehr. Andere Bundesländer wie das Saarland oder Nordrhein-Westfalen zeigen, wie konkrete Verbesserungen angestoßen werden können.
Fünf Vorschläge für Hessen
Mit Blick nach vorn stellte Anja Moritz fünf konkrete Anregungen vor, die auf große Resonanz stießen:
- Ein Fachgespräch Endometriose: Hessen sollte – nach dem Vorbild des Saarlands – Expertinnen und Experten aus Kliniken, Praxen, Forschung, Krankenkassen und Selbsthilfe an einen Tisch bringen. Ein solches Fachgespräch könnte zentrale Fragen klären: Wie lassen sich Diagnosezeiten verkürzen? Wie sichern wir multimodale Behandlungspfade? Welche Daten fehlen für Forschung und Versorgung? Das Ergebnis könnte ein konkreter Maßnahmenkatalog sein, der im Landtag als Grundlage für Beschlüsse dient.
- Eine „Hessische Endometriose-Strategie“: Endometriose braucht einen strukturierten politischen Rahmen. Eine interministerielle Steuerungsgruppe – bestehend aus den Ressorts Gesundheit, Soziales, Wissenschaft und Kultus – könnte eine „Roadmap“ erarbeiten. Drei Ziele sollten dabei im Mittelpunkt stehen: kürzere Diagnosezeiten, bessere Versorgungswege, mehr Aufklärung. Eine solche Strategie würde Hessen bundesweit sichtbar machen und die Kräfte im Land bündeln.
- Aufklärung in Schulen: Frühzeitige Aufklärung über Menstruationsbeschwerden und Endometriose ist entscheidend, um Tabus zu brechen und den Weg zur Diagnose zu verkürzen. Hessen könnte eigene Unterrichtsmaterialien entwickeln und Lehrkräften zur Verfügung stellen. Wichtig ist, Lehrkräfte mit Fortbildungsangeboten einzubeziehen, damit Wissen auch im Klassenzimmer ankommt. So würden junge Menschen frühzeitig lernen: starke Schmerzen sind nicht „normal“.
- Stärkung der Versorgung: Endometriose ist komplex und erfordert multimodale Therapieansätze. Deshalb sollten zertifizierte Zentren in Hessen gezielt gestärkt werden, etwa durch Pilotprojekte zur Vernetzung verschiedener Fachrichtungen. Zugleich ist es wichtig, dass sich Hessen auch bundespolitisch einbringt, um langfristig bessere Strukturen wie ein bundesweites DMP (Disease Management Programm) oder spezielle Vergütungsregelungen in der GKV auf den Weg zu bringen.
- Landesfachstelle Endometriose und ein Register: Bereits eine kleine Landesfachstelle könnte niedrigschwellig Informationen bündeln, Betroffene und Fachpersonal vernetzen und Anlaufstelle für Fragen sein. Denkbar wäre, dies bei der HAGE (Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung) anzusiedeln. Ergänzend dazu könnte Hessen ein Endometriose-Register prüfen. Ohne valide Daten bleibt Versorgung blind – ein Register könnte helfen, die wichtigsten Kennzahlen zu erfassen und Versorgung sowie Forschung gezielt zu steuern.
Den drei Beiträgen schloss sich eine angeregt Diskussion an – nicht zuletzt, da auch im Landesparlament in Hessen endometriosebetroffene Abgeordnete sitzen, die sehr genau wissen, was es bedeutet, an Endometriose erkrankt zu sein, die die Schmerzen und die Hoffnungslosigkeit kennen und die genau wissen, was es bedeutet, sich mit einer solchen Erkrankung dennoch voll im Beruf zu engagieren.
Viele Abgeordnete kamen sicher zu spät zur anschließenden Debatte im Landtag – ein deutliches Zeichen, dass unsere erste Anregung, ein Fachgespräch zu Endometriose in Hessen, möglichst bald angegangen werden sollte.
Ausblick
Dieses parlamentarische Frühstück hat gezeigt: Das Interesse in Politik und Medizin ist da – und die Bereitschaft, gemeinsam konkrete Schritte zu gehen, ebenso.
Wir werden diesen Prozess weiter begleiten – mit unserer Expertise und vor allem mit der Stimme der Betroffenen.
