Endometriose-Versorgung im Fokus: Ein Interview mit Prof. Dr. Schmalfeldt von der DGGG

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Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, 2. Vizevorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V., Quelle: DGGG
Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt

Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt ist 2. Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) und Direktorin der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE).

„Frauengesundheit braucht eine Medizin, die die spezifischen gesundheitlichen Herausforderungen von Frauen konsequent berücksichtigt. Das Beispiel Endometriose zeigt, dass viele Erkrankungen und Beschwerden von Frauen noch immer zu spät erkannt werden. Es ist entscheidend, evidenzbasierte Versorgungskonzepte weiterzuentwickeln und dauerhaft in unserem Gesundheitssystem zu verankern.“ sagt Prof. Schmalfeldt im Newsletter der DGGG vom 29.05.2026 anlässlich des Nationalen Aktionstags für Frauengesundheit.

Die DGGG und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF) möchten Endometriose stärker berücksichtigen und die Versorgung verbessern. Welche Schritte hierfür nötig sind, berichtet uns Prof. Dr. Schmalfeldt im Interview.

1.  Frau Prof. Dr. Schmalfeldt, Sie leiten die Klinik und Poliklinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf. Wie häufig begegnet Ihnen Endometriose in Ihrem Arbeitsalltag?

Prof. Schmalfeldt: Endometriose begegnet mir täglich in der Klinik, in der Sprechstunde, in unserer allgemeinen Poliklinik, in der speziellen Endometriose-Sprechstunde, auf Station, im OP. Endometriose ist häufig und der Bedarf an Beratung und guter Versorgung ist enorm.

2. Im Rahmen des Nationalen Aktionstag Frauengesundheit am 28.05. haben die DGGG und der BVF gemeinsam auf zentrale Herausforderungen in der Versorgung von Frauen aufmerksam gemacht. Welche Herausforderung in der Versorgung von Endometriose-Patient*innen ist aus Ihrer Sicht die größte?

Prof. Schmalfeldt: Endometriose ist nicht eine einmalige Diagnose und Therapie. Endometriose erfordert eine Beratung, Betreuung und individuelle und kontinuierliche Therapie über einen langen Lebenszeitabschnitt. Dies bedeutet, dass wir Strukturen benötigen, die den Bedürfnissen der Patientinnen gerecht werden und das Gesundheitssystem einen Rahmen bietet, indem eine adäquate Betreuung ermöglicht wird und finanziert ist.  Mit den zertifizierten Endometriosezentren sind hier gute Voraussetzungen geschaffen. Im Bereich der allgemeinen Frauenheilkunde wäre es wünschenswert, dass die Beratung und therapeutische Begleitung entsprechend dem Aufwand ermöglicht wird.

3. Frau Prof. Dr. Schmalfeldt, Sie stehen als 2. Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vor. Die DGGG hat sich gemeinsam mit dem Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) das Ziel gesetzt, Endometriose stärker zu berücksichtigen. Was bedeutet das konkret?

Prof. Schmalfeldt: Ein sehr wichtiger Meilenstein war die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Endometriose in der DGGG (AGEM). In dieser Arbeitsgemeinschaft arbeiten Expertinnen und Experten an Leitlinien, einer Verbesserung der Strukturen und erarbeiten Zertifizierungskriterien. Sie setzen sich sowohl für Forschungsvorhaben ein als auch für eine optimale Versorgung der Patientinnen. Des Weiteren ist es uns sehr wichtig, eine grundlegende Aus- und Weiterbildung für unsere Kollegen zu ermöglichen. Hierfür haben wir den Basiskurs Endokrinologie aktuell etabliert, der eine umfassende Basisausbildung zur Diagnostik und Therapie der Endometriose sicherstellt. Bei all dieser Arbeit ist uns der Kontakt zu Patientinnenvertreter-Organisationen und deren Input sehr, sehr wichtig. 

4. Sie benennen die Weiterentwicklung evidenzbasierter Versorgungskonzepte als entscheidenden Handlungsschritt. Welche Versorgungskonzepte sind hiermit gemeint und wie gestaltet sich deren Weiterentwicklung?

Prof. Schmalfeldt: Ein ganz wichtiger Schritt ist die konsequente Umsetzung der S2k Leitlinie Endometriose. Hier wurden evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Versorgung von Patienten mit Endometriose erarbeitet. Es gilt nun diese in der Versorgung konsequent umzusetzen, von der zeitnahen Diagnostik bis hin über eine individualisierte langfristige Therapie, die erstattet wird und Unterstützung bei Integration von supportiven Angeboten. Ein wichtiger Schritt hierbei ist die Verbreitungen des Wissens und die Weiterbildung. Dies erfolgt im Rahmen der DGGG-Kongresse, der Symposien der Arbeitsgemeinschaften und durch unsere Basiscurrikula gynäkologische Endokrinologie. Hier finden wir ein großes Interesse und Bereitschaft bei Frauenärztinnen und Frauenärzten, sich zu diesem Thema intensiv weiterzubilden und die Betroffen optimal zu versorgen.  Um die Evidenz für die erforderlichen Diagnostik- und Therapiemaßnahmen zu belegen, ist es wichtig, dass die Forschung und Studienaktivität im Bereich der Endometriose in Deutschland intensiviert und weiter ausgebaut wird. Hierzu sind die aktuellen Ausschreibungen des Bundesgesundheitsministeriums und des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt sehr hilfreich. Aktuell konnten hierdurch mehrere Forschungsverbünde zur Endometriose an den Start gehen. 

5. Was sind die Voraussetzungen dafür, dass solche weiterentwickelten, evidenzbasierten Versorgungskonzepte nachhaltig und flächendeckend im deutschen Gesundheitssystem verankert werden können? Wann denken Sie, können Betroffene mit der Umsetzung dieser Versorgungskonzepte rechnen?

Prof. Schmalfeldt: Ich denke, ein wichtiger Schritt war bereits die Awareness in den zuständigen Ministerien und die Bereitschaft hier Mittel für Förderung zur Verfügung zu stellen. Erforderlich ist nun eine weitere Zusammenarbeit der betroffenen Verbände und Gesundheitsakteure, um auch die notwendige Erstattung, insbesondere von Medikamenten und Versorgungskonzepten, sicherzustellen. 

6. Haben Sie eine Vision, wie eine ideale Versorgung von Endometriose-Patient*innen in der Zukunft aussehen könnte?

Prof. Schmalfeldt: Die ideale Versorgung von Endometriosepatientinnen beinhaltet eine zeitnahe Diagnose und ein individuelles lebenslängliches Behandlungskonzept einschließlich unterstützenden Maßnahmen. Dies kann in einem Stufenkonzept erfolgen mit einer umfassenden Behandlung in einem Endometriosezentrum gemeinsam mit der langfristigen Versorgung durch FachärztInnen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Meine Vision ist, dass wir langfristig schwere Folgen einer Endometriose mit schwersten Vernarbungen und Infertilität durch zeitnahe Diagnostik und Therapie verhindern können.