Psychische Auswirkungen

Psychische Auswirkungen von Endometriose

Endometriose ist eine körperliche Erkrankung. Das Erleben der Symptome, wie z. B. Schmerz, steht jedoch in enger Wechselbeziehung mit der Psyche. Viele von Endometriose Betroffene kennen es: Man leidet nicht nur an der Erkrankung mit all ihren Symptomen, sondern auch an der fehlenden Akzeptanz und Kenntnis der Mitmenschen (Ärzt/innen, Lehrer/innen, Freund/innen, Verwandte, Partner/innen). Hinzu kann eine soziale Isolierung kommen, weil man aufgrund der Beschwerden nicht zur Arbeit, Geburtstagsfeier oder ins Kino gehen kann. Die SHG-Leiter/innen und Berater/innen der Endometriose-Vereinigung Deutschland e. V. kennen diese Situationen z. T aus eigener Erfahrung, aber auch aus den vielen Begegnungen in der Beratung oder bei Selbsthilfegruppen-Treffen.

Körperliche Prozesse bei Endometriose wie ein Anschwellen der Endometriose-Herde, mechanischer Druck, Vernarbungen, Blutungen ins umgebende Gewebe und/oder Ausschüttung entzündlicher Substanzen, setzt vielfach auch in der Psyche Prozesse in Gang. Das kann eine gesteigerte Körperwahrnehmung für unangenehme Empfindungen, eine bewusste oder unbewusste innere (Fehl-) Bewertung dieser Empfindungen, Angst und Stress zur Folge haben.

Im Ergebnis dieses komplexen Zusammenspiels körperlicher und psychischer Einflussfaktoren kann der allgemeine Zustand sich verschlimmern. Habe ich beispielsweise gelernt, dass kein Schmerzmittel hilft, dann bewerte ich die Schmerzen vielleicht als sehr bedrohlich. Wenn ich jedoch weiß, dass meine Bewältigungsstrategien (Wärmflasche, Schmerzmittel, Meditation, Entspannungsverfahren usw.) zu einer Linderung meiner Symptome führen, halte ich eine entsprechende Schmerzkonstellation für weniger schlimm.

Dieser innere Prozess kann durch viele Umstände, wie verspätete Diagnose oder Fehldiagnose, nicht anerkannte (Schmerz-) Symptome, die Rückfallrate und Anzahl der Operationen das Leiden verschlimmern. Somit erstaunt es nicht, dass die Krankheit psychosozialer Auswirkungen hat. Hier einige Beispiele: 16% der von Endometriose Betroffenen berichten von Fehlzeiten in der Ausbildung, 51% von Problemen am Arbeitsplatz (davon 24 % aufgrund von Fehlzeiten wegen der Endometriose). 50% berichteten von Problemen in der Partnerschaft. 10% trennten sich in Folge dessen von Ihrer/m Partner/in.

Solche Erfahrungen können dann wiederum Einfluss auf die Wahrnehmung des nächsten Schmerzschubs haben. Weitere Einflussfaktoren können sein:

  • die Meinung anderer über mich,
  • - neuropathische Schmerzen (hier wird das Nervensystem selbst zum Schmerzverursacher)
  • das Verstecken-müssen der Erkrankung
  • Sorgen um die eigene Fruchtbarkeit
  • Erschöpfung,
  • eine Reizblase,
  • die (sexuellen) Beziehungen,
  • - die Mythen, die es rund um das Thema Menstruation und Endometriose gibt.

Folglich wundert es nicht, dass bei einer Untersuchung von Lisa Katharina Schute (2011) 16,7% der befragten, diagnostizierten Endometriose-Patientinnen von einer schweren bis moderaten Depression und 31,4% von einer schweren bis moderaten Angststörung berichten. Laut Schute traten mildere Symptome noch häufiger auf: 48,0 % litten unter Depressionssymptomen und 62% unter Angstsymptomen.

Derzeit werden in Deutschland und auch in anderen Ländern Studien zum Thema „Endometriose und psychische Gesundheit“ durchgeführt. Wir unterstützen diese Studien, in dem wir immer wieder darauf aufmerksam machen und Betroffene zur Teilnahme anregen.

Eine Studie der Charité in Berlin aus dem Jahr 2020 weist daraufhin, dass Personen mit Endometriose überdurchschnittlich stark belastet sind und dass die Belastung umso höher ist, wenn chronifizierte Schmerzen vorliegen und je stärker die schmerzbedingten Alltagsbeeinträchtigungen sind. Dies stellt die Notwendigkeit einer schmerzorientierten Behandlung sowie von psychologischer Mitbetreuung und Beratungsangeboten im Umgang mit Endometriose heraus. (Endometriose – Psychische Belastung von Betroffenen. Johanna Netzl, Wolfgang Ihle, Barbara Voigt, Jalid Sehouli, Sylvia Mechsner, Charité Berlin, 2020)

Auch eine Schwedische Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Endometriose und psychischen Erkrankungen. Sei ergab, dass von Endometriose Betroffen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes Risiko aufweisen, an depressiven Störungen, Angststörungen oder stressbezogene Erkrankungen, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit oder ADHS zu erkranken. Zugleich konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Frauen mit affektiven Störungen, depressiven Störungen, Angststörungen, stressbezogenen Erkrankungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen und ADHS ein erhöhtes Risiko hatten, später an Endometriose zu erkranken. Die Wissenschaftler/innen fordern daher eine multidisziplinären Perspektive, die neben der medizinischen Behandlung auch eine psychosoziale Betreuung beinhaltet. (Psychiatric comorbidity among women with endometriosis: nationwide cohort study in Sweden. Menghan Gao, MSc, Ilona Koupil, MD, DSc, Hugo Sjöqvist, MSc, Håkan Karlsson, PhD, Sujata Lalitkumar, MD PhD, Christina Dalman, MD PhD, Kyriaki Kosidou, MD PhD, 2020)

Die Psychologin Manuela Fuhrmann, die in der zertifizierten Rehaklinik Schlangenbad mit Endometriosepatient/innen arbeitet, hat für uns einen Artikel zum Thema "Schmerz und Schmerzbewältigung bei Endometriose aus psychologischer Sicht" geschrieben. Sie finden ihn auch in unserer Broschüre "Mit Endometriose leben".

Ein Weg aus der Isolation und ein Austausch mit verständnisvollen Menschen sind wichtig. Suchen Sie sich private oder professionelle Hilfe, wenn Sie das Gefühl haben, es geht nicht mehr. Am Beratungstelefon unserer Vereinigung hören wir zu und berichten, wie andere mit den psychischen Belastungen umgehen. Gern überlegen wir gemeinsam, welche Möglichkeiten es gibt.

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